Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
144
Einzelbild herunterladen

144

FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

wie hoch wir klettern. Nur: wovon soll der Knabe Hiob noch leben, arbeiten, stehen und gehen? Wo er jetzt schon nur mühsam im Schneckentempo dahinkriecht. Ein Glück für sein Mütterchen, daß sie das Elend nicht mitansehen muß, es möchte ihr das Herz noch einmal brechen! Ich habe W. für ihn gebeten, daß er an der Münchener Spei­sung beteiligt werde. Es sei, meinte ich, doch sicher nicht die Absicht der edlen Spender, die sogenannten Laien ganz von der Nutznießung auszuschließen. Er hörte jedoch auf dem christlichen Ohr nicht gut und äußerte ohnehin seine Unzufriedenheit darüber, daß die Holländer nun auch an die Leitung angeschlossen seien. Es lohne sich jetzt nicht mehr, stöhnte er, überhaupt noch auszuteilen. Na, so ganz ernst kann ihm das nicht gewesen sein, hat er doch vier Prachtstücke von Wurst in seine Tüte geschoben, dazu ein Drittelpäckchen Butter. Aber freilich der Hunger, die Hal­luzinationen des Mangels, die Visionen der Entbehrung, die uns alles, was wir haben, kleiner erscheinen lassen und größer das, was der andere hat; und umgekehrt unsere Not größer und die des Nächsten geringer. Ach, niemand kann aus seiner selbstischen Haut heraus, auch nicht einer, und da sind wir uns alle einander gleich, Christ und Jude, arm und reich.

Ja, dieser Hamsun , der kann erzählen, der hat ein Fabu­liertalent, um das ich ihn beneide. Diese üppige Phantasie, diese Erfindungsgabe! Hätte ich doch nur ein Fünkchen von dieser fast göttlich zu nennenden Kunst! Ach, zeitlebens wird er mir versagt bleiben, dieser Wunsch, den ich seit den Tagen meiner Jugend in mir brennen fühlte, etwas Ahn­liches zu schaffen. Was nützt da das klägliche ,, Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas!" der Lateiner? Nein, nicht auf den sogenannten guten Willen kommt es an, son­dern auf die Tat: das siehst du auch an Hitler und seinem