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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
können als dies Gefühl der Unterlegenheit: zu guter Letzt hast du dich doch noch übers Ohr hauen lassen, und irgendwo in einer Ecke sitzt der Dieb, raucht deinen Tabak und macht dir noch obendrein eine lange Nase.
Meine Stimmung, die auf den Nullpunkt gesunken war, hat sich inzwischen wieder etwas gehoben: der Kantinencapo, mein Freund Sepp, versprach mir, nachdem ich ihm mein Herz ausgeschüttet hatte, aus dem letzten Vorrat der im Sterben liegenden Kantine wenigstens ein Päckchen als Pflaster auf meine Wunde zu legen. So ist der Grund zu einer neuen Kapitalsbildung gelegt, die Milch hat begonnen, ein Häutchen zu bekommen. Ein Glück, daß München nicht versagt hat: gestern erhielt ich durch den treuen Thurmann ein ganzes Brot ausgehändigt, das durch ein stattlich ,, Ende" Hartwurst garniert war und es mir ersparte, am Sonntag Hunger zu leiden: Ein Zeichen der Großmut dessen,' der mich meinen Sorgengeist nicht entgelten lassen will.
Da hat mir der Bücherhengst einen Roman aufgehängt, der zunächst durch den Titel bestach: Es ist wohl der kürzeste Romantitel der ganzen Weltliteratur: ,, C", er stammt von Maurice Baring und schildert die Entwicklungsgeschichte eines jungen englischen Literaten. Ich bin sehr bald gefesselt worden durch die Liebenswürdigkeit der Darstellung. Das Christentum kommt nicht besonders gut weg, doch wird wohl mehr die verkalkte Schale eines veralteten Kirchentums getroffen werden sollen als das ewig junge Evangelium Christi selber. Es ist der erste Roman, den ich auf englisch lese, so daß ich verwundert bin, trotz meiner geringen Übung fast alles glatt und ohne Wörterbuch lesen und verstehen zu können.
Den Hertog hat wieder eine seiner tiefgründigen Predigten gehalten: echt paulinisch über einen petrinischen Text, geladen mit den Paradoxien des Evangeliums. Schade, daß der Luftalarm uns zwang, vorzeitig aufzubrechen und


