Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF

sache, die mir zeigt, daß, wie Luther sagt, der alte Mensch schwimmen kann, so daß es ihm immer wieder gelingt, an die Oberfläche zu kommen und wir wieder von vorn im ABC beginnen müssen. Aber ich verzage nicht! Auch dies Gebiet muß unter die Aufsicht des Heiligen Geistes ge­stellt werden. Ein Strom von Freude durchdringt mich in der Gewißheit des Glaubens: Das neue Herz Christi wird auch in diesem Stück den Sieg über die Triebe des alten davontragen.

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Der geringste Widerstand, den ich von außen erfahre, versetzt mich in heftige Erregung, die einer veritablen Wut so ähnlich sieht wie ein Ei dem andern. Ich bin auf dem geraden Wege, ein Mogul, Pharao und Pascha zu wer­den und meine besten Freunde vor den Kopf zu stoßen durch wahre Eruptionen von Gereiztheit. Darf ich mich, wie viele es tun, auf den entschuldigenden Standpunkt stellen, es sei eben die unvermeidliche Folge des Lager­lebens mit seiner unerträglichen, immer drückender wer­denden Enge und nervenaufpeitschenden Ungerechtigkeit? Gewiß nicht! Darf ich mit hilflosem Achselzucken sagen: nervöse Überreiztheit, Lagerkoller, Haftpsyhose? Nein, auch das nicht! Ich muß dagegen angehen, freilich nicht wie ein Moralist mit jenen berüchtigten guten Vorsätzen, mit denen der Weg zur Hölle gepflastert ist, sondern als Christ, der da glaubt, daß das Herz Christi mit seiner Sanftmut und Geduld sein Eigentum ist, das als sein neues Lebenszentrum das alte mit seiner unduldsamen Unbeherrschtheit ver­drängt. Der arme Knabe Hiob ! Was hat er schon unter meinen Ausbrüchen zu leiden gehabt! Und er ist die Ge­duld selber, drückt mir noch in dem Augenblick eines krän­kenden Ausfalles die Hand und tut den ersten Schritt zur Aussöhnung, wenn sie nötig wäre.

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Tausende alter Gefangener im Lager leiden an diesem Zustand. Er ist wohl auf eine Art seelischen Schutzbedürf­