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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
lich hebe, und schon dringt ins Dunkel der lebendig Begrabenen der erste Schein vom Licht der oberen Welt.
Wohl dem, der die Kraft hat auszuharren, bis sie soweit sind, die den Stollen zur Befreiung der Eingeschlossenen graben. Aber viele sterben darüber. Die Leichenkarren sprechen eine stumme und doch deutliche Sprache. Es sollen täglich immer noch 50 bis 60 Tote sein, welche die Seuche fordert, obwohl sie im Abnehmen begriffen ist. Immer aufs neue empört mich der Anblick dieser Karren, welche so ziemlich der Gipfelpunkt dessen sind, was sich der Mensch an zynischer Verachtung des Menschen je geleistet hat. Zuerst pressen sie die Leiber aus bis zum letzten Tropfen in jahrelanger Sklavenarbeit, um sie zum Schluß, abgemagerte Knochengerüste, den Wirkungen einer Spritze zu überlassen und nach dem Ende wie einen Korb fauler Apfel auf den Misthaufen zu leeren.
Montag früh.
Die hysterischen Klagerufe der Sirenen durchschneiden weinerlich jammernd die sonndurchschienene Morgenluft und wischen die etwas banalen Tonstücke hinweg, die von soeben vorübermarschierenden SS- Truppen scheinbar sieghaft an die Wolken gehängt wurden. ,, Bald sind sie da! Bald sind sie da!" Täuscht sich das Ohr, von der Voreingenommenheit des Herzens verführt, wenn es den Dissonanzen einen ganz neuen Klang der bewillkommnenden Erwartung unterzuschieben wagt?
Und nun hat die Hungerzeit begonnen. Die Parole ist zur Wahrheit geworden. Die Brotpreise sind auf das Doppelte hinaufgeschnellt. Von 20 auf 40 Zigaretten. Die Delikatessen aus den Rotkreuzpaketen sind fast unerschwinglich: für ein einziges Päckchen Kakaopulver mußte ich 18 Zigaretten opfern und froh sein, daß ich es überhaupt erhielt, denn Tabak bekommen die Franzosen von Herrn de Gaulle massenhaft. Die Diebereien nehmen sprung


