Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF 119

nicht weniger als von der Befriedigung, welche dir die liebgewordene Tätigkeit in deinem Berufsleben verschaffte. Geltung hat nur, sucht dir dieser Vorhang weiszumachen, was jetzt ist, was sich als Wirklichkeit vor deinen Augen "ausbreitet und deinen Ohren aufdrängt. Was vorher war, ist. ein für allemal ausgelöscht und hat nicht nur aufzu- hören, Gegenstand deiner Gedanken, sondern auch deiner Gefühle zu sein. Selbst aus der Erinnerung hat es zu ver- schwinden, damit ihre sänftigenden Bilder nicht zum ge- heimen Quell werden, der das mühsam festgehaltene Leben mit unkontrollierbaren Kräften speist. Merke dir, du bist nur, was du in unsern Augen bist; was du einmal gewesen, was du dir einbildest, heute noch in den Herzen von Weib und Kind zu sein verbanne es aus deinem Innern, es hat hier kein Heimatrecht! Hier sind deine Brüder, deine Freunde, hier ist dein Gott, was hier nicht ist, ist über- haupt für dich nicht!

Nur wer die aus dem Glauben gezeugte Kraft hat, ein Doppelleben zu führen, wer die Fähigkeit des Widerspruchs aufbringt und täglich"mit der übermächtigen Wirklichkeit, die allbezwingend auf ihn einstürmt, ringt, wer sich immer wieder aufrafft zum Nein:Das bin ich nicht, wozu sie mich hier machen; ich bin nicht der Strolch, dessen Fetzen sie mir umhängen, der ohne Recht und ohne Halt von Almosen in der Fremde lebt! Das ist nur ein Scheinleben,

"mir aufgezwungen von Feinden; mein wahres Leben lebe ich draußen, dort, wo meine Lieben sind, nur der vermag sich im Innersten gesund zu erhalten auf den Tag, dessen wir alle warten, und dem Tropfen zu trotzen, der den Stein der Unversehrtheit höhlt. Und seht, dieser Tag nähert sich. Wir empfinden es alle, als ob die Berges-

last leiblicher und geistiger Knebelung, die einem Grab- stein gleich auf unsere Gruft getürmt wurde, sich allmäh-