Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

9. April 1945.

Die Spannung wächst von Tag zu Tag. Gestern, am Sonntag, glich die pappelumsäumte Lagerstraße einem sum­menden Bienenkorb. Überall bildeten sich Gruppen von Russen, Franzosen, Serben, Österreichern, Belgiern, Hol­ländern, kurz von allen jenen Nationalitäten, die sich hier zusammengefunden, welche sich mehr oder weniger leise, aber mit lebhaften Gesten miteinander unterhielten, um sich bei Annäherung eines Postens schnell wieder zu zer­streuen oder harmlose Themen anzuschlagen. Spürbar be­ginnt der schwere Druck zu weichen, der jahrelang auf den Unglücklichen gelegen hatte. Es ist, als ob in einem eis­erstarrten Leibe das Blut allmählich wieder zu kreisen begänne. Die Wangen röten sich, er schlägt die Augen wie­der auf, der Arme, dessen Bewegungslosigkeit den nahen Tod anzukündigen schien. Gerinnung des Nerves, des Herz­bluts das ist die Wirkung, die von der Tatsache aus­geht, daß die Dauer unserer Haft unbestimmt ist. So wirkt sie wie lebenslängliches Zuchthaus in ihrer lähmenden Hoffnungslosigkeit. Raffiniert haben sie das ausgeklügelt, unsre Kerkermeister, denen nichts an der Unterhaltung des Lebens der von ihnen ,, Betreuten" liegt, die vielmehr be­wußt darauf ausgehen, es allmählich zum Ersterben und Erliegen zu bringen- es sei denn in einer Zeit wie der unsrigen, welche Menschenkraft zu einer Mangelware wer­den läßt, mit welcher es im eigenen Interesse gilt schonend umzugehen. Dieses versteckte ,, Lebenslänglich" gleicht einem eisernen Vorhang, der im Augenblick des ,, Eingenähtwer­dens" herabgelassen wurde und die Gegenwart scharf trennt von der Vergangenheit, von dem, was ,, dein einst war"; von der Geltung scheidet er dich, die du als Ge­schäftsmann hattest oder als Beamter genossest, von dem Ansehen, das dich als Mann des öffentlichen Lebens aus­zeichnete, von der Achtung und Liebe deiner Angehörigen