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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
9. April 1945.
Die Spannung wächst von Tag zu Tag. Gestern, am Sonntag, glich die pappelumsäumte Lagerstraße einem summenden Bienenkorb. Überall bildeten sich Gruppen von Russen, Franzosen, Serben, Österreichern, Belgiern, Holländern, kurz von allen jenen Nationalitäten, die sich hier zusammengefunden, welche sich mehr oder weniger leise, aber mit lebhaften Gesten miteinander unterhielten, um sich bei Annäherung eines Postens schnell wieder zu zerstreuen oder harmlose Themen anzuschlagen. Spürbar beginnt der schwere Druck zu weichen, der jahrelang auf den Unglücklichen gelegen hatte. Es ist, als ob in einem eiserstarrten Leibe das Blut allmählich wieder zu kreisen begänne. Die Wangen röten sich, er schlägt die Augen wieder auf, der Arme, dessen Bewegungslosigkeit den nahen Tod anzukündigen schien. Gerinnung des Nerves, des Herzbluts das ist die Wirkung, die von der Tatsache ausgeht, daß die Dauer unserer Haft unbestimmt ist. So wirkt sie wie lebenslängliches Zuchthaus in ihrer lähmenden Hoffnungslosigkeit. Raffiniert haben sie das ausgeklügelt, unsre Kerkermeister, denen nichts an der Unterhaltung des Lebens der von ihnen ,, Betreuten" liegt, die vielmehr bewußt darauf ausgehen, es allmählich zum Ersterben und Erliegen zu bringen- es sei denn in einer Zeit wie der unsrigen, welche Menschenkraft zu einer Mangelware werden läßt, mit welcher es im eigenen Interesse gilt schonend umzugehen. Dieses versteckte ,, Lebenslänglich" gleicht einem eisernen Vorhang, der im Augenblick des ,, Eingenähtwerdens" herabgelassen wurde und die Gegenwart scharf trennt von der Vergangenheit, von dem, was ,, dein einst war"; von der Geltung scheidet er dich, die du als Geschäftsmann hattest oder als Beamter genossest, von dem Ansehen, das dich als Mann des öffentlichen Lebens auszeichnete, von der Achtung und Liebe deiner Angehörigen


