Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
121
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FUNF MINUTEN VOR ZWÖLF

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haft zu. Am glockenhellen Tag hat mir dieser Tage ein Landsmann, der Teufelsanbeter, meinen Zucker wegsti­bitzt; ich hatte ihn von einem Freund als Gegenleistung bekommen, ein ganzes Pfund, und glaubte die Kostbarkeit sicher verwahrt in einer Schachtel, und die Schachtel wie­der unter einer Decke, und Decke mit Schachtel im Bett doch was kümmert sich ein Mensch, der zum Teufel in so guten Beziehungen steht, um Bett, um Decke, um Schachtel und andere Stümpereien, wenn er nur den Zucker hat, und den bekam er dank der Beziehungen schon recht bald; denn als ich nach einer Stunde zurückkehrte, war das Werk schon geschehen und der Zucker weg. Und nicht genug damit: ich muß damit rechnen, daß die Sache eine Anzeige einträgt: mir, nicht dem Dieb! Denn als ich vor mich hin­murmelte, da ich den Diebstahl entdeckte: ,, Wo steckt denn mein Zucker?" trat ich dem Herrn Landsmann auf die Zehen. Er schrie auf und behauptete, ich hätte ihn bezich­tigt. Ich erwiderte: ,, Nein, das habe ich nicht; warum ziehst du aber die Jacke an, die dir nicht paẞt?" Er drohte mit einer Anzeige beim Blockmogul, weil ich ihm keine, Ruhe lasse, und da er weiß, daß ich dort als angenagtes Obst Unrecht bekomme, wird er es wohl ausführen. Und das, obwohl seine Weste nicht sauber, da er neulich von den Franzosen des Diebstahls überführt worden ist. Aber die Teufelsanbeter dürfen sich mausig machen in einer Welt, in der der Teufel regiert und alles auf den Kopf stellt.

Unsere Suppe ist so, wie sie ist: besser als ihr Ruf und schlechter als sie sein könnte; für den Gaumen gerade noch recht, aber für den Schlund eines Häftlings, der einem Sack ohne Boden gleicht, allzu wenig. Nach einigen Löffeln siehst du dich erstaunt um: wo ist die Suppe geblieben? Dabei soll sie auch noch die anderen Teile eines recht­schaffenen Menüs vertreten, die unser Koch redlich ver­gißt: die Gemüseplatte, den Rinderbraten und die süße