Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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114 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

den, die uns ganz zu eigen gehörten. Längst vorbei waren ja die Zeiten, wo wir fast allnächtlich darauf gefaßt sein mußten, mitten aus dem Schlaf heraus aufgeweckt und uns in die allerunmöglichsten Situationen verwickelt zu sehen, die sich von den verwirrenden Träumen der Nacht nicht viel unterschieden. Da ertönt schrill und scharf der Befehl einer Stimme, der uns in jene alten Zeiten zurückzuwerfen scheint:Sofort aufstehen und auf der Blockstraße an- treten!Na, das war eine kurze Nacht! brummt Merker in der Meinung, es sei das gewöhnliche Wecken.Mensch, das war noch gar keine Nacht! Merkst du nichts? schreit ihn, unaufgeforderte Aufklärung spendend, in der üblichen Lagerhöflichkeit Werker an, der jeden Braten schon von weitem riecht.Die Amerikaner kommen! Auch mein erster Gedanke war dies, ich verwarf ihn jedoch wieder als allzu phantastisch, aber vielleicht wurden wir evakuiert, wie schon lange eine Parole umgegangen war? So gerne wir diesen Ort mit irgendeinem andern auf einem der fünf Erdteile vertauschten, so käme uns der Luftwechsel unter dieser Führung doch reichlich unerwünscht. Die meisten würden sich lieber vom Amerikaner befreien lassen. Indes wir hatten nicht lange Zeit zum Überlegen. Der Stuben- pharao trieb zur Eile an; nachdem die Knäuel von Armen, Füßen und Köpfen wieder entwirrt und wir in den Tagesraum gestürzt waren, sahen wir dort, daß die Uhr kaum ıı zeigte, und entdeckten zwei Posten, in die der Kuckuck gefahren zu sein schien. Mit ihren treiberischen Rufen vermehrten sie nur den allgemeinen Tumult, der ein ordentliches Ankleiden sehr erschwerte. Befehle durch- schnitten die Luft:Allesraus!Seid ihr noch nicht bald draußen?Wer ein verschlossenes Spind hat, macht es auf! Aha, da merkten wir, wohin der Hase lief. Blockkontrolle, allgemeine Filzerei!! Mich: durchfuhr ein Schrecken. Ich hatte schon wieder ein schlechtes Gewissen,