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Moral, sondern um Evangelium. Statt die Freigebigkeit Christi„anzuziehen“, indem du Christus"selbst annimmst, unterfängst du dich, lieber Freund, deiner eigenen Natur die Knochen zu brechen. Das muß ein Unglück geben, du mußt dir dabei Rückgrat und Seele verkrümmen!
Heute habe ich mir wieder mal Heims„Glauben und Denken“ aus der Bücherei geholt, um es— wohl zum
, zehnten Male— durchzulesen. Zu einem wahren Vademecum
wurde mir dieses bahnbrechende Werk. Es ist doch ein hoher Vorzug, den Gedankengängen des Tübinger Meisters folgen zu dürfen. Selbst wenn ich mir die Freiheit damit erkaufen könnte, möchte ich nichts von den kostbaren Erkenntnissen hergeben, die ich diesem Buch verdanke. Es strömt eine Kraft aus, die wahrhaft befreiend wirkt, und wenn mir die Gnade geworden ist, meinen jahrzehntelang geführten Kampf um die innere Freiheit zum siegreichen Ende zu führen, so deswegen, weil mir der herrliche Lehrer die Augen geöffnet hat für das eigentliche Wesen des Christen- tums als eines nackten Glaubens ohne jegliches Schauen. Schade, daß so viele zurückbeben vor den Schwierigkeiten, die das Studium dieses überlegenen Werkes zu einer mühe- vollen Bergbesteigung machen. Sie bringen sich um den köstlichen Lohn, der denjenigen zuteil wird, die nicht ruhen, bis sie den Gipfel erreicht haben, der sonnbeschienen als Ziel vor ihnen lag.— Aber einigen hat das Buch doch wertvolle Führerdienste leisten dürfen, so Kotter, dem jun- gen Karlsruher Ingenieur, der mit Heißhunger darüber herfiel und schon am ersten Abend mehr als fünfzig Seiten durchflog. Er ruhte nicht eher, bis er auf dem letzten Blatt angekommen war.
Wir hatten bereits zwei Stunden die Decke über die Ohren gezogen, womit wir andeuteten, daß wir der schlech- testen aller Welten„Gute Nacht“ sagen und von keinem Blockmogul mehr gestört sein wollten in den kurzen Stun-
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