Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
112
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I12 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

Gerechtigkeit. Die meisten von uns sind Opfer eines fürch- terlichen Justizverbrechens geworden, sind sie doch ohne alles Urteil, ja gegen den Freispruch der Gerichte hier. Es muß ein für allemal dafür gesorgt werden, daß sich ein solcher Frevel nicht so schnell wiederholt. Den übermütigen Bürokraten muß es ins Wachs gedrückt werden, daß nicht die Menschen für sie, sondern daß sie für die Menschen da sind falls sie es je wieder vergessen sollten.

Bringtmir da der Knabe Hiob auf einem Zinnteller seine Wurstportion, um Majoran dagegen einzutauschen. Ich erkläre öffentlich:Das nehme ich nicht, den Majoran bekommst du auch so! Er dagegen:Ich will aber nichts geschenkt haben! Ich wieder:Die Wurst will ich keines- falls, sie selbst! Er:Dann schenke ich sie dem! So zog er denn mit der Wurst wieder ab. Später, als ich ihm den Vorwurf der Verstiegenheit machte, verteidigte er sich: der Schurke von einem Stubenältesten habe ihm, wie er ihn um den Nachschlag brachte, auch wieder die kleinste Portion zugeteilt, da habe er beschlossen, sie ihm zum Possen nicht zu essen, sondern zu verschenken. Und außer- dem: er wisse, daß er geizig sei(!), und so habe er auch seinem Geiz einen Streich spielen wollen. Ich empfand dies als Künsteleien und sagte ihm auf den Kopf zu, daß er an Ressentiment leide. Ja, ist der Knabe Hiob nicht auch einer von denen, die den Kampf gegen die Sünde selber führen wollen und dabei zu scheitern gehen? Verbogen und un- natürlich erscheinen mir die Kunststücke eines Heiligungs- strebens, das echt idealistisch ist, aber mit dem Neuen Testament nichts zu tun hat. Ob es mir gelingt, ihn von dem Irrtum zu überzeugen? Schwerlich, denn dieser Wahn, blutschwitzend Arbeit an sich selbst treiben zu müssen, ist so allgemein verbreitet, daß es mit gewöhnlichen Mitteln nicht möglich ist, das Dickicht des moralischen Vorurteils zu brechen. Aber bei Christus handelt es sich nicht um