Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN

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sehen, so sind wir in der rechten Lage: wir merken, daß nur noch Gott helfen kann mit seinem Licht. Und das müssen wir lernen, dieses nackte Vertrauen auf ihn allein. Wozu sich also absorgen? Vor drei Jahren um die Osterzeit waren wir auch so weit. Brot war fast keines mehr zu sehen. Aber ich hielt mich an das Wort: ,, Mein Vater siehet tausend Wege, wo die Vernunft nicht einen weiß!" Und was geschah? In wenigen Tagen schwamm ich im Fett, denn ich kam ins Kommando Wülfert, in die Konservenfabrik, und das Wort Hunger mußte aus meinem Wörterbuch ver­schwinden. Ja, als eines Tages Hunderttausende von Hüh­nern aus Serbien und Ungarn ankamen, die wir in Büchsen füllen sollten, da wurde auch unser Magen zur Büchse, in welcher mancher Hühnerschlegel verschwand- denn nicht umsonst steht geschrieben: ,, Du sollst dem Ochsen, der da drischt, das Maul nicht verbinden!" Danach richtete ich mich. So half ich mir mit Hühnerfleisch über die Hunger­zeit hinweg, und was wird's diesmal für ein Wunder geben?

Karsamstag 1945.

Das griesgrämige Karfreitagsgrau hat einem von Sonnen­licht strahlendem Morgenhimmel das Feld geräumt: das niedergedrückte Gemüt lebt wieder auf, und selbst die blu­tige Katastrophe draußen erscheint in einem milderen, nicht mehr so hoffnungslosem Licht.

دو

In ein Amtsgewand haben sie mich um meines neuen Kommandos in der Besoldungstelle willen gesteckt, das der Originalität nicht entbehrt. Wenn es auch der neulich gefor­derten Vereinfachung" nicht entspricht, so ist doch die ,, Entfeinerung" um so besser zu ihrem Recht gekommen: eine Hose, tief offiziell schwarz mit einer leutselig schmalen roten Litze zu beiden Seiten, welch' letztere für die einen der Anlaß ist, mich zu den Eisenbahnern zu rechnen, für

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