Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

wie ER dürstend rang um meine Seele, daß sie ihm zu seinem Lohn nicht fehle, und dann auch an mich gedacht,

als ER rief: ,, Es ist vollbracht!"

Welches andere Lied wäre besser imstande, die Gefühle der Gefangenen zu treffen, als dies von Gethsemane und Golgatha? Oder scheint es nicht ihre eigene Lage zu sein, die es schildert? Knieten sie nicht selber an ihrem Ölberg, nun schon lange Zeit, der eine Monate, der andere Jahre? Und hatte nicht jeder den Becher an den Lippen, den bitteren Trank auszuleeren, ihr schweres Geschick, das aus­zudeuten niemand sich unterfangen kann, es sei denn, daß Paulus recht hätte, der uns erlaubt, unser Leiden eins zusetzen mit dem des Messias, wenn anders wir ihm glauben, eine Einheit mit IHM bilden? Nur daß er als Erlöser leidet und wir als die Erlösten. Der junge Holländer, der die Predigt hielt, konnte sie zwar beginnen, aber nicht beenden. Die Sirenen machten ihr vorzeitig ein Ende. ,, Lichter aus!" schrie die Sicherheitspolizei und gab sich nicht eher zufrie­den, als bis auch das letzte Licht auf dem Altar ausgelöscht war. Traurig verließen wir die finster gewordene Kapelle, um mit eiligen Schritten durch das bereits in Nacht gehüllte lichtlose Lager zu unserm Block zu eilen und auf hartem Strohsack unsern Golgathakampf fortzusetzen.

31. März 1945.

M. bringt die Parole mit, daß es vom Ende der Oster­woche nur noch ein Achtel Brot für den Tag geben werde. Da sie für uns ungünstig ist, wird sie sich wohl als wahr erweisen. Aber wozu sich absorgen? Je weniger wir sehen, desto besser können wir glauben. Wenn die Nacht so dun­kel wird, daß wir die Hand nicht mehr vor den Augen