Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN

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,, Kennen wir Jesus ? Wenn uns seine Kenntnis entschwin­det, kennen wir uns selbst nicht mehr. Denn in der Reihe der Ahnen ist er in unvergleichlicher Kraft der Wirkende; was bedeutet gegen ihn. ein mit seinem Schwert verwachsener Hildebrand oder eine in rasender Leidenschaft brennende Krimhild? In der Art unseres inwendigen Lebens und in der Gestaltung unserer geschichtlichen Gemeinschaft wird überall sichtbar, daß das, was Jesus in die Welt herein­gebracht hat, unter uns vorhanden und wirksam ist. Das wird auch durch die zahlreichen Antichristen unter uns nicht verdunkelt, denn ihr Denken und Wollen erhält ge­rade dann, wenn sie mit glühendem Zorn die Erinnerung an Jesus verdrängen wollen, unvermeidlich seine Richtung durch den, den sie als ihren Feind bekämpfen."

Karfreitag 1945, abends.

Auf dem Altar loderte das Feuer roter Tulipanen zum Gekreuzigten empor, dessen Bild nach katholischer Sitte verhüllt war, während Marias Statue auf dem linken Sei­tenaltar noch ersetzt war durch ein leeres Kreuz, um dessen Querbalken ein weißes Tuch sich schlang.

Weil am Morgen, ja den ganzen hohen Festtag über, gearbeitet wurde zugunsten des Hitlersieges, wurde der Gottesdienst erst am Abend gehalten. Fast alle Pfarrer waren da, dagegen hatten von den übrigen Blöcken nur wenige kommen können, da sie zu spät von der Arbeit zurückgekehrt waren. Ich trat ein, als soeben Knapps er­greifendes Passionslied angestimmt worden war: ,, Eines wünsch ich mir vor allem andern" mit der unvergeßlichen Strophe:

,, Ewig soll ER mir vor Augen stehen, wie ER als ein stilles Lamm

dort so blutig und so bleich zu sehen hängend an des Kreuzes Stamm;

Fünf Minuten vor Zwölf 7