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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF
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kaum daß ich ihn begrüßt hatte( übrigens ohne Handschlag, des Typhus wegen). ,, Wer denn?" war seine lakonische Gegenfrage. Sie machte mich stutzig: wie konnte er nur so unwissend tun, um wen konnte es sich denn nur handeln? ,, Nun, die Schoßkinder des Glücks, die Entlassenen?" ,, Entlassen ist gar keiner. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, auch nicht in der Andacht." Nur einige katholische Priester sind heute gegangen, und vor nächsten Dienstag kommt niemand mehr heraus. Das war ein Schlag! Die reine Aschermittwoch- Stimmung herrscht unter den Hochwürden. Die Enttäuschung war zu grausam. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, das gilt auf Grund hundertfältiger Erfahrung mehr als für das übrige Welttheater für das Theater unsres Lagers. Nächsten Dienstag bis dahin, kann die Welt untergehen. Man kennt die Lagerbürokratie, die man im Verdacht hat und das wohl mit Recht, daß sie alles, was ihr gegen den Strich geht, durch stillen Widerstand zu vereiteln sucht, vor allem die lästigen Entlassungen. Bis nächsten Dienstag! Da können wir amerikanisch sein na ja, sagt M., das wäre noch besser als Entlassung. Der Parolenmüller ist so eingebildet, zu verkünden, daß es zur Zeit besser sei hinter dem Stacheldraht zu leben als davor. Behauptet er doch, daß kein Geringerer als Churchill die KZ für exterritoriales englisches Gebiet erklärt habe, auf welches keine Bombe fallen dürfe. Tatsächlich wird das Firmament jedesmal genau über dem Lager von den Erkundungsfliegern im Umfang des Stacheldrahtes abgesteckt. Nützen tut das freilich nur den Gestreiften, die während des Angriffs im Lager anwesend sind, und das sind nur wenige, während die meisten andern gerade in den gefährdeten Stellen des SSLagers, in dessen Mitte das unsre liegt, auf Kommandos arbeiten.
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Aus dem Schlatterbuch schreibe ich folgende Stelle ab:


