Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

die andern, mich als Anwärter für den Generalstab zu be­trachten. Militärisch ist auch das grüne Grau einer über Gebühr langen Weste, in welche sich ein Bäuchlein von der doppelten Rundlichkeit des meinigen bergen könnte. Ich bin aber froh, daß ihr soldatischer Glanz verdeckt wird durch eine gewöhnliche Jacke, welche sich von anderen Schneidergebilden gewöhnlichen Charakters nur durch eine Unmenge aparter Falten unterscheidet, die mit Bügelfalten nichts als das Wort gemeinsam haben, sonst aber ihr Dasein einem unerforschlichen Ratschlusse verdanken und am besten bald wieder verschwinden würden. Über dem Ganzen schwebt ein Tuchrest von unbestimmbarer Farbe, der sich durch eine dachartige Verlängerung als Schildmütze ausweist und dem Inhaber den Anspruch auf das Aussehen eines besseren Räuberhauptmanns verleiht nehmt alles nur in allem und rechnet auf der linken Brust die Nummer 16921, den in schönem Krawattenrot prangenden ,, Winkel", auf dem Rücken das mächtige Häftlingssymbol, das aus Tuch­streifen aufgenähte Kreuz, hinzu, und ihr habt das getreue Bild einer Tracht, die aus dem neuen europäischen Willen zur Kultur geboren und ihrem Geiste auch vollständig angemessen ist.

Jetzt wird gleich Schluß gemacht; es ist bald elf Uhr; unsere Vorgesetzten werden sich ihre Gewehre und Gas­masken umhängen, um zu exerzieren eine wundervolle Kombination bürgerlichen und soldatischen Lebens, ein Bei­spiel, wie herrlich weit wir es gebracht, während wir ins Lager zurückmarschieren um nicht wiederzukommen vor Montag oder Dienstag früh: ob über die Feiertage ge­arbeitet wird oder nicht, ist noch ein unenthülltes Denkmal