DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN
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geweht, welche die Gasse der Isolierbaracke den Blicken entziehen sollte, und durch die entstandene Lücke, was gewahrte ich da? Ganz dort hinten, was war das? Meinen eigenen Augen nicht trauend, fragte ich einen Dabeistehenden: ,, Du, was ist denn das? Dort hinten auf dem Karren?"
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Er sah mich zur Antwort mit einem höhnischen Lächeln an, so daß ich fortfuhr, mir selber die Antwort gebend: ,, Das sind ja Leichen!" ,, Ja, was denn sonst", bestätigte jetzt meinen Ausruf der arme Mitbruder, der wohl seinen eigenen Schrecken, seine eigene Scham über das, was Menschen an Menschen sündigten, unter einem scheinbar gefühllosen Zynismus zu verbergen suchte. Mich fror, aber nicht von der Kälte, die der eisige Nordwest mir durch den Körper jagte. Es waren also Menschen, diese Scheiter, die auf dem Karren getürmt dalagen, starr und steif, und fahl wie der Schnee. Grauenvolles Geheimnis, das herüberwehte und mich tief erfaßte: Vor wenigen Stunden hatten sie noch geatmet, waren mir gleich und sehnten sich nach der Stunde der Befreiung. Denn mochten sie ihre Zwingherren wie ein Stück Vieh behandeln und noch schlechter: es waren Geschöpfe, aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen, daß sie frei seien, und vom Erlöser erkauft, daß sie wieder frei würden. Welche Faust hatte sie beim Wipfel gepackt und an diesen Ort geschleudert, wo sie fern von Vater, Mutter und Geschwistern ein Sklavenleben führen sollten und einen Tod finden, der einem Hunde nicht zugedacht wird?
21. März 1945.
Endlich ist er mir gelungen, der Abstecher ins ,, Porzellan", das ich bereits einen Monat verlassen habe. Aber es lag mir schon lange am Herzen, noch einmal dort vorzusprechen, denn im Bunker hatte ich noch einige Aufzeichnungen versteckt, die galt es zu holen und sonst noch dies und das. Vielleicht gelang es mir auch, eine Teekanne


