Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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8.0

FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

zu erobern, das sollte als Lohn für meinen einjährigen Sklavendienst wohl nicht zu unbescheiden sein. Ich erreichte auch glücklich, was ich wollte, selbst die Teekanne. Nur daß die Sphinx, mit Schwermut in den Augen und Rätsel­spiel in den Worten, meine Bitte ablehnte, während der gestreifte Generaldirektor in Eile mit mir auf die Suche ging und in der Tat noch eine Porzellankanne für mich er­gatterte.

Nur einen Katzensprung ist das Porzellan von der Be­soldung entfernt, und doch, welche Umstände hat es ge­macht, bis es soweit mit der Reise war. Ich durfte sie ja unter keinen Umständen ohne die Begleitung einer Kinds­magd mit Gewehr machen. Übrigens war es höchste Zeit, denn heute sagte mir der Generaldirektor, er habe Wind bekommen, daß nun auch die drei Laibacher Nummern mir in den Orkus folgen müßten. Auch das Lieblingskind der ,, Vorsehung" baut ab. Das läßt tief blicken!-

Heute hat mich ein Unglück ereilt: sie haben endlich die lange gesuchte Laus bei mir gefunden. Obendrein ist gerade heute wieder die lange Läusenacht, da blüht es mir, bis zum frühen Morgen im Bad nackt zu frieren. Noch schlimmer: der Schwefel, nach dem die Kleider nach voll­brachter Prozedur stinken werden! Das wird ein Nase­rümpfen bei SS und bei Gestreiften im Kommando geben! Ich laufe wahrlich Gefahr, die Stelle wieder zu verlieren: kleine Ursachen, große Wirkungen!

22. März 1945.

Schon schreiben wir heute den 22. März, und in ein paar Tagen ist es bereits einen Monat her, daß ich das Por­zellan mit der Besoldung vertauscht habe. Was liegt aber seit dieser Zeit nicht alles hinter mir? Schrecklich, nur daran zu denken! Gut, daß es wirklich hinter mir liegt, dieser tolle Wirbel wie wir das in der Lagersprache heißen-- von Unglück, Verhängnis, Hohn und Beschimpfung, ein

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