Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

stürzen, die dreimal schlimmer sind als die, welche man ihnen zugedacht hat. So werden sie mit Schwarzbrot zu­frieden sein, wenn sie einen Monat lang überhaupt ohne Brot auskommen mußten. Probatum est: das Rezept ist allen Hitlern ernstlich zu empfehlen, die es darauf abge­sehen hätten, in kürzester Zeit über einen Friedhof zu regieren. Über eines war ich froh: ich hatte wenigstens mein Kommando noch; und im Porzellan, da gedachte ich alle die widrigen Erlebnisse der letzten Zeit in Bälde zu vergessen. Es war doch gut, daß ich mich in die Höhle des Löwen gewagt und den Mann mit dem sphinxhaften Ant­litz auf den Stehbunker vorbereitet hatte.

Sonntagabend.

Mein hoffnungsvoller Ausblick, mit dem ich den Eintrag gestern abschloß, war leider verfrüht: als ich gestern morgen gutes Mutes auf der Bolckstraße spazieren ging, um zu sehen, ob meine Bekannten noch alle am Leben seien, und ihre Glückwünsche entgegenzunehmen, daß ich das meinige noch behalten, traf ich auch Hartmann, den Laibacher Nr. 1, von der Porzellanbuchhaltung. Wir begrüßten ein­ander mit Hallo, doch ehe wir unsern Weg fortsetzten, teilte er mit, daß ich ,, abgestellt" sei, das heißt, daß ich mein Kommando verloren hätte und nicht mehr zurück­kehren dürfe. Es war mir, als träfe mich ein Schlag. Das war mir eine große Enttäuschung, ein wahres Unglück! Und da ich nicht annehmen konnte, daß der durch und durch ehrliche Laibacher Nr. 1, der mir zum Freund ge­worden ist, Scherz treibe, mußte ich ihm wohl oder übel glauben und nun sehen, was weitergeschieht. Ich werde auf jeden Fall morgen noch einmal hinausgehen; denn ich muß meinen Hausrat, Rasierzeug, Tabak; Manuskripte usw. ho­len. Dabei bietet sich vielleicht Gelegenheit, mit der Sphinx noch ein Wörtlein zu reden und das Ärgste abzuwenden.