Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
67
Einzelbild herunterladen

DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN

67

Das sollte der Pragmatiker wissen! Aber er hat sich schon lange nicht mehr gezeigt; wäre er hier gewesen, ich wäre Einstweilen halte ich mich an meinen

nicht geflogen". Wahlspruch:

,, Das Unglück ist mein Glück, Die Nacht mein Sonnenblick!"

Montagabend.

Die Sphinx ließ mich vor, hörte mich mit Schwermut in der Miene an und gab mir die Zusicherung, ich könne noch einige Tage bleiben, bis ich eine neue Stelle gefunden; doch nur so halb und halb, in rätselhaftem Orakelstil, wie es die Art der Sphinxen nun einmal ist. Ich schöpfte also wieder Hoffnung. Nach dem Appell hörte ich aber vom Capo, daß mir endgültig gekündigt sei. Ich war froh, daß ich wenig­stens meine Siebensachen gerettet hatte, und überließ es einer höheren Deutekunst, die Zusage der Sphinx mit dem Kündigungsbrief in Übereinstimmung zu bringen. Die Ma­nuskripte hatte ich noch draußen gelassen, es wäre zu ge­fährlich gewesen, sie durchs Tor zu schleusen. Ich muß dafür auf eine spätere Gelegenheit warten.

Ich komme mir wie betäubt vor, als ob ich von einem Turm herabgestürzt wäre und nun mit zerschmetterten Gliedmaßen am Boden läge. Aber ich darf nicht liegen bleiben, ich muß die Gliedmaßen wieder sammeln, zu einem Ganzen vereinen, einem Leib, der den Kampf wieder auf­nimmt, nun da es gilt, zum Endspurt anzutreten. Meine Lage ist trostlos, meine Seele kraftlos, aber: mein Unglück ist mein Glück! Daran mich zu halten, bedarf keiner Kraft, das gibt Kraft im Verzweifeln. Nach 66 Monaten Lager­leben hat die Widerstandsfähigkeit des Willens sehr gelitten; es ist ja alles hier auf Zermürbung des Geistes angelegt. Wenn die Zitadelle wankt, ist die Festung dahin. Der

54