DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN
65 wir nicht auf dem Block. Beim Herausgehen sah ich mich um, ob ich nicht mit einem Auge jenen andern Häftling erhaschen konnte, der nun schon im achten Jahr auf die Befreiungsstunde harrt, den Kirchenkapitän Niemöller: hier, fast Wand an Wand mit uns, haust er im ,, Ehrenbunker" mit einigen andern ,, Ehrenhäftlingen" zusammen. Am Tage zuvor hatte ich das Glück gehabt, durch die Türspalte einen Blick auf seinen Rücken zu werfen, war aber von dieser Aussicht und Ansicht nicht besonders befriedigt gewesen. Diesmal hatte ich noch weniger Glück; ohne viel Federlesens wurden wir hinausbugsiert. Zunächst mußten wir uns am Tor aufstellen eine nochmalige Gelegenheit, uns trübe Bilder vor die Seele zu zaubern, so das jenes Russen, den sie nach 3 Tagen Stehbunker zum Tor hinausgeführt hatten, um ihn zu erhängen ich hatte zwar nicht wie er gestohlen, aber ich war im Besitz einer roten Grammatik gefunden worden, und das war weit schlimmer! Aber, Gott sei Dank, der Ungewißheit machte der Lagerschreiber ein Ende, der zu uns trat und uns erlaubte, zu verschwinden und auf den Block zurückzukehren, wo mich der Knabe Hiob mit einem Freudenruf erwartete und versuchte, mir einen guten Bissen in den Mund zu stecken.
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Auch der Humoronkel, der die beste Kritik übt, die des Humors ,, Lächerlichkeit tötet", war zur Stelle, diesmal nicht mit einem Witz, sondern mit einem mächtigen Käsebrot. Ich tat nicht zimperlich, sondern biß optimistisch hinein, froh wieder ,, zu Hause" zu sein, meine Füße auf dem Strohsack komfortabel ausstrecken und durch luxuriöse Fenster ins Freie sehen zu können, wenn auch noch nicht in die Freiheit. So hatte ich in dreitätigem Kurse hochschätzen gelernt, was ich vorher geringgeschätzt, und mußte die Regierungsweisheit bewundern, die eine solche Wandlung zur Zufriedenheit durch das einfache Mittel zuwege bringt, die Menschen erst einmal in Verhältnisse zu
Fünf Minuten vor Zwölf s


