Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

Einige Bewohner des geistlichen Blocks, zu deren Ohren die Kunde vom allgemeinen Priestertum ihrer Kirche und von der Zeugenpflicht jedes Christen noch nicht gedrungen zu sein scheint, hatten durchblicken lassen, daß sie unsere Zusammenkünfte für überflüssig hielten. Dies war dem Knaben Hiob zu Ohren gekommen und brachte ihn nicht wenig in Harnisch, so daß wir uns über die Lebhaftigkeit des sonst so stillen Mannes nicht genug wundern konnten.

5. Februar 1945.

Woran mag er denken, der Übermensch? An die Tage von Paris , die er als Herrenmensch mit Herrenmenschen in Saus und Braus genoß, oder an die Eltern, die, rumä­nische Volksdeutsche, bereits auf eiliger Flucht begriffen sein mögen? Untergangsstimmung! Vorbei, vorbei ist der kurze Traum vom Herrenmenschentum, aufgebaut auf den ver­heißungsvollen, doch trügerischen Melodien des Rattenfän­gers von Berchtesgaden .

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Dienstag, 6. Februar 1945.

Auch heute ist's still geblieben. Ob sie die rote Gram­matik wirklich verwinden? Das Jourhaus hüllt sich in Schweigen, vielleicht geht alles nochmal gnädig ab. ,, Die haben jetzt schwerere Sorgen" meint Windgasse, der Evange­list; während der Knabe Hiob den Kopf schüttelt, mich daran erinnernd, wie sie ihn erst Wochen nach der Meldung holten, und zwar vom Kommando weg in den Bunker, ohne daß er überhaupt zur Vernehmung gerufen worden wäre. Lagerjustiz! Dabei hatte der Kommandoführer dem Parolenmüller auf mein Dazwischentreten feierlich ver­sichert, daß er die Sache nicht verfolgt habe es handelte sich um das staatsfeindliche Vergehen, daß er sich aus einem herumliegenden Autoreifen zum Schutze gegen den Schmutz

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