NEUJAHR 1945 UND WAS NACHHER KAM
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die Höhe, schneeweiß glasiert, mit wehender Mähne, geöffnetem Maule, emporgerichtetem Schweife, ansetzend zu galoppierendem Tempo. Aber es bleibt beim Ansatze, vergeblich wartet die Vorsehung, neugierig hinter dem Zwicker vorlächelnd, auf den Sprung das Rößlein kommt nicht vom Fleck. Will es nicht? Kann es nicht? Das ist sein Geheimnis, denn es ist nicht umsonst ein Rößlein aus Porzellan, das seine eigenen Marotten und Absichten hat, wie je nur eines, welches aus Professor Kärners Händen hervorgegangen, und dessen Gemüt im Riesenbackofen bei 1200 Grad Hitze hartgeglüht worden ist.
23. Januar 1945.
Eine ungeheure Spannung hält das Lager in Atem. Wie zwei feindliche Heerhaufen stehen wir einander gegenüber, die Herrenmenschen und die Herdenmenschen, in der Beurteilung dessen, was an den Fronten geschieht. Des einen sein Uhl ist des andern Nachtigall. Was die einen mit düsteren Ahnungen erfüllt, zieht wie ein frischer Windhauch durch die Brust der anderen. Was die SS ersehnt, verwünschen die Sklaven. Die Blöcke sind der Gerüchte voll, und je härter jede Äußerung bestraft wird, desto zäher halten sich die Parolen in unterirdischen Kanälen: niemand ist in der Lage, den heimlichen Strom zu dämmen oder gar zum Versiegen zu bringen. Jeder der beiden Gegner weiß genau, was der andere denkt. Es bemüht sich auch keiner, dem andern ein X für ein U vorzumachen. Die Fronherren sind im Bilde über die Stimmung der Häftlinge. Kaum ein einziger gibt sich der trügerischen Erwartung hin, daß die ,, Umschulung" ein anderes Ergebnis gezeitigt hätte als unüberwindliche Ablehnung, milde ausgedrückt.
24. Januar 1945.
Die Nacht hat es mir von Saalbach geträumt. So lebhaft und deutlich träumte ich, daß ich beim Erwachen noch den


