Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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42 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF-

ganzen Traum im Geiste vor mir sah. Jetzt ist mir das meiste wieder entschwunden. Ich weiß nur noch, daß wir bei Marie zu Besuch waren, eine Anzahl von Gestreiften; darunter auch Windgans, der Evangelist. Wie neulich in der Bibelstunde schob ich ihn in den Vordergrund und empfahl ihn als gewaltigen Redner, während ich mich bei mir selber vor Marie entschuldigte, von der ich wußte, daß sie lieber ihrem Vetter zugehört hätte, gleichsam wiederum in Er- innerung an den letzten Bibelabend, wo mir Pfarrer Kaiser nahelegte, doch selbst einmal eine Stunde zu übernehmen, was ich aber abschlug. Wir saßen als Gäste an einem Tisch und warteten wohl auf eine Speisung, wobei es sonderbar war, daß Windgans, der Evangelist, eine Blechdose in Ge- stalt einer Konservenbüchse mitgebracht hatte, welche ein unbestimmbares Etwas enthielt. Ich nahm es ihm ab, um&s auf dem Herde warm zu stellen, ganz wie wir es im Kom- mando tun, und tauschte mit Marie einen Blick des Einver- ständnisses, der einer besseren Sache würdig gewesen wäre, Immer war ich mir allerdings bewußt, daß ich. nur Gast wäre und wieder ins Lager zurückmüsse, was ich als schwere Last empfand hervorgerufen wahrscheinlich durch star- ken Blasendruck, an welchem ich gleich darauf erwachte.

24. Januar 1945.

Die Justizverwaltung wendet folgende Maßnahmen zur Steigerung der Gefangenenleistungen an(nach einem Brief des Amtes DI):

Das Aufsichtspersonal hat nicht nur für die Bewachung der Gefangenen zu sorgen, sondern sie auch zur Arbeit an- zuhalten. Leistungsprämien dürfen nicht schematisch gegeben werden, sondern individuell je nach Leistung. Beim Nach- lassen der Leistung müssen sie entzogen werden. Das System der Vorarbeiter sei zwar eingeführt, das Aufsichtspersond. habe jedoch Weisung, darauf zu achten, daß der Vorarbeiten