Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

Haut schlang er sie beinahe hinunter. Dabei hat er immer noch was zum Verschenken. Er läßt sich nicht davon ab­halten, er hätte das Zeug zu einem heiligen Franziskus. Sa­gen wir ihm: ,, Die andern bekommen auch nicht weniger als du", so entgegnet er, ohne mit der Wimper zu zucken: ,, Aber sie haben einen größeren Hunger."

21. Januar 1945.

Wie das Wetter draußen so unschuldig tut! Da scheint die bleiche Wintersonne von einem bläßlich blauen Himmel herab. Die Föhren langen in die himmlische Glätte hinein, kaum daß ein Windhauch ihre Zweige bewegt, und das Dach des Schuppens leuchtet in reinem Weiß der Kinder­unschuld, während die Sonnenstrahlen das schneeige Tuch in freundliche Wärme zu hüllen scheinen.

Die Kälte hat aber noch nicht nachgelassen, beim Appell friert uns erbärmlich an allen Gliedern. Eine Wohltat, mein rotes Halstuch! Ob die Nachbarinnen ahnen, welchen täg­lich sich erneuernden Schatz sie mir damit geschenkt? Er hält mir Nacken und Hals warm; und Hals warm, all's warm! heißt es bei mir. Nachts merken wir so recht, was es heißt, gezwungen zu sein, sich nach der Decke zu strecken! Ziehe ich die meinige nach rechts, so wird mir im Nu der Rücken kalt, hole ich sie nach links, so friert's mich an der Brust. Kurz, sie ist eben zu kurz, und ich gerate in dieselben Nöte wie gewisse Schlachtenlenker, denen die Decke das eine Mal im Osten reicht, aber im Westen nicht, und das andere Mal wiederum im Westen, aber im Osten nicht. Diese verflixte kurze Decke!

22. Januar 1945.

Wir werden immer vornehmer dank den Bemühungen des Übermenschen um die Innenausstattung der Porzellanbuch­haltung als würdigen Rahmens für sein eigen Bild. Wie es einer solchen geziemt, steigt seit heute früh auf dem Akten­schrank, dem rabenschwarz angestrichenen, ein Röẞlein in