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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
ein Bauernhof auf dem Spiel steht, sondern ein ganzes Reich.
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6. Januar( Erscheinungsfest) 1945.
Natürlich feiern sie heute kein Fest in diesem Lande, weder ,, Erscheinung" noch„, 3 Könige"; es ist ganz gewöhnlicher Arbeitstag für uns Sklaven wie für die Herren: ,, Alle Räder rollen für den Sieg!"
Eine große Freude habe ich erlebt: gestern bin ich Pfarrer Niemöller begegnet. Wir waren gerade dabei, mit dem Kommando wieder zum Porzellan zurückzukehren, da entwarnt wurde, just als wir durchs Tor geschritten waren. Sofort machten wir kehrt; und da, kurz nachdem wir das Tor wieder verlassen hatten, sah ich ihn. Zunächst erblickte ich ein Gesicht, ohne mir etwas dabei zu denken. Im Unterbewußtsein kam es mir aber bekannt vor, und plötzlich blitzte es in meinem Innern auf: ,, Niemöller!" Schon drängte sich mir auch der Name auf die Zunge, ich wollte ihn rufen, doch seltsam, die Lippen gehorchten mir nicht, ich fühlte mich sonderbar gehemmt, es war, als ob ein Kobold mir den Mund zuhielte. War es, weil ich Niemöller in Begleitung eines SS- Postens erblickte, oder weil ich mich vor dem Kommando scheute, ich ließ den kostbaren Augenblick ungenützt; denn nur eines Augenblicks Länge währte die Gelegenheit; wir marschierten weiter und verloren die beiden völlig aus dem Gesichtsfeld. Nachher wollte ich mir die Haare ausraufen, aber es war zu spät, und es gewährte nur einen schlechten Trost, daß ich versuchte, den Generaldirektor an meinem Erlebnis teilnehmen zu lassen. Niemöller! Das war für ihn ein böhmisches Dorf; er wußte weder etwas vom Kirchenkapitän noch davon, welche Rolle er in meiner Haftgeschichte spielte, und daß sein Name auf meinem Schutzhaftschein prangte, weil die Gestapo es für ein Verbrechen hielt, des KZ würdig, daß ich es gewagt hatte, Worte dieses gefährlichen Mannes auf einer halben


