Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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NEUJAHR 1945 UND WAS NACHHER KAM 31

Million Kunstkarten durch Deutschland zu wirbeln, nota- bene, ohne daß sie rechtzeitig dahinter gekommen waren.

Erscheinungsfest, 6. Jannar 1945.

Gestern morgen holte der Knabe Hiob die heilkräftige Weihnachtsgabe aus dem Spinde, den Lebertran, der seinem armen Lünglein gut tun sollte. Doch was war das? Die Flasche war ja so leicht, und der Pfropfen saß so locker auf dem Hals da war etwas nicht ganz geheuer! Eine böse Ahnung durchfuhr sein erschrecktes Gemüt es wird doch nicht.... Nein, er konnte es nicht glauben. Doch als er die Flasche gegen das Licht hielt, wurde sein Verdacht be- stätigt: ein Drittel fehlte, und da nichts davon bekannt- geworden ist, daß vierbeinige Mäuse hinter die medizini- schen Wirkungen des Lebertrans gekommen sind, mußte angenommen werden, daß es zweibeinige waren, die sich der Flüssigkeit angenommen hatten, vielleicht in der Mei- nung, es handle sich um Pfefferminzlikör. Da hätten sie sich freilich grimmig enttäuscht gesehen, aber was half dies dem Knaben Hiob und seinem armen Lünglein? Gar nichts, ganz davon abgesehen, daß er nicht rachsüchtig ist und es seinem Geist verwehrte, sich an wohltuenden Rache- visionen schadlos zu halten, welche ihm die ernüchterten bern wollten.

Nichts half es auch, daß er seinem Schmerz und seiner Empörung Luft machte und.in den morgendlichen Trubel seine Anklage hineinrief:Mein Lebertran ist weg! Wer weiß etwas von meinem Lebertran? Niemand kümmerte sich um den Lebertran, jeder hatte genug mit sich selbst zu tun, mit seinem Kaffee und dem Morgenappell. Erst als er seiner Elegie einen Stich ins Kriminelle gab:Der Strolch, der ihn gesoffen hat, wo steckt er? horchten einige von jenen auf, die immer gern Stoff für ihre Leidenschaft