als ob ihnen nichts geschehen könnte. Rada, der seit dem 15. März 1939 vor dem Anblick jedes deutschen Offiziers und jedes SS- Mannes zurückgescheut war, blickte die beiden an und fühlte, daß auch ihr Anblick ihm Kraft gab. Von allen Menschen und von allen Häu­sern strömte ihm Kraft zu.

Die Häuser waren totenstill. Die Mörder gingen um, die Häscher und Mörder, die der Mördergeneral Heydrich aussandte. In jedem Hause warteten Menschen auf das Eindringen der Mörder. In jedem Hause fragte ein Mensch das unbekannte Schicksal: Komm ich heute dran? Oder mein Nachbar zur Linken oder mein Nach­bar zur Rechten? Wenn in einer Wohnung die Mörder erschienen und ihr Opfer packten, blieb es in allen an­deren Wohnungen totenstill.

Rada ging langsam, er dachte an seine Nachbarn. Er dachte: Die Mörder werden mich holen, und in den Nach­barwohnungen wird es totenstill bleiben. Die Nachbarn werden an den Gucklöchern ihrer Wohnungstüren stehen und sehen, wie die Mörder mich packen und mich über die Treppe schleifen. Er malte sich diese Szene aus, sie erschreckte ihn nicht. Er dachte an die Mörder und an die Nachbarn, nur an Marie wollte er nicht denken. Aber als er vor dem Tor seines Hauses anlangte, dachte er nur noch an Marie.

Sie wußte nichts von seinem Entschluß. Er hatte ihr nichts gesagt, weil er wußte, daß er von nun an keiner Herzensregung mehr nachgeben durfte, die seine Kraft lähmte. Von allen Menschen und von allen Häusern, in denen Menschen litten und das Nahen der Mörder er­warteten, strömte ihm Kraft zu, nur von einem Men­schen und von einem Hause nicht. Er wußte nicht, ob Marie seinen Entschluß billigen werde; deshalb strömte

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