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Fünf Minuten nach acht stand Rada in dem garten­reichen Stadtteil Dejvice vor der Villa, die Fobich be­wohnte. Es regnete, Rada fröstelte. Trotzdem zögerte er. Es war eine peinliche, es war eine schreckliche Auf­gabe, dieses Haus zu betreten und mit Fobich zu spre­chen. Der Zögernde gab sich einen Ruck und schellte am Gartentor.

Fobich war noch nicht zu Hause. Seine große statt­liche Frau entschuldigte ihren Mann, der telephoniert hatte, eine wichtige Konferenz hindere ihn, recht­zeitig nach Hause zu kommen. ,, Sie müssen einst­weilen mit meiner Gesellschaft vorliebnehmen", sagte sie.

Rada hatte sie seit sieben Jahren, seit seinem letzten Be­such in diesem Hause, nicht gesehen. Sie war damals unliebenswürdig gewesen. Sie hatte ein gelangweiltes Gesicht gemacht. Heute sah sie jugendlicher als die grämliche Vierzigjährige aus, die er vor sieben Jahren kennengelernt hatte. Ihre vorstehenden Backenkno­ chen verschönten merkwürdig das große Gesicht. Ihre Wangen waren mit einem zarten Rosa überhaucht. Sie hatte strahlend blaue Augen. Sie sprach ein sehr man­gelhaftes Tschechisch. Sie war eine Sudetendeutsche. Er vermutete, daß Fobich unter ihrem Einfluß ein Verräter geworden sei.

Sie bemühte sich, liebenswürdig zu sein. Rada gab kurze Antworten, so daß das Gespräch nach den ersten Mi­nuten stockte. ,, Ich spreche noch immer sehr schlecht tschechisch; jetzt werde ich die Sprache nicht mehr er­lernen", sagte sie. Jetzt braucht sie unsre Sprache nicht mehr zu erlernen, dachte er, und die Erbitterung, die er

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