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bezahlen müssen, stand er, ein Schnarrposten der Menschheitsrevolution, im Vordergrund der Entwicklung, und immer wieder war es dieselbe zähe Welle der Reaktion, die ihn ins Nichts zurückschleuderte und den Dichter, der er doch eigentlich war, nach Worten ringend nicht zu Wort kommen ließ. Nun drohte unerbittlich ein neuer Krieg heran, von dem der Politiker Toller richtig voraussah, daß er viele Jahre dauern würde, und dessen Fronten wiederum, wie immer in diesen letzten zwanzig Jahren, hoffnungslos tragisch verlagert waren. Denn Rußland war auf dem Wege, in das Bündnis mit Nazi- Deutschland einzutreten. Wozu unter diesen Umständen noch weiter fechten? Der Politiker Toller gab verzweifelnd den Kampf auf und riẞ den Dichter mit sich in den Abgrund. Er starb wie der Held einer Römertragödie, der er im Grunde war; aber wie ein Römer in New York , wo der Gashahn den Dolch ersetzt.
Ernst Toller war weder der erste noch der letzte, der diese Zwischenlösung wählte. Es war ein todseliges Zeitalter, in dem wir lebten, und der Selbstmord eine ständige Abzugspost im Soll und Haben unserer bankrott gewordenen humanistischen Kultur. Trotzdem werden wir seinen schwarzen Abschiedsblick, sein klagendes und anklagendes Dichterauge nie vergessen. Es war etwas Messianisches in seiner dunkel flammenden Erschei nung, eine uneinlösbare Forderung, wie sie gerade die edleren Herzen und Geister zeitlebens narrt. Sie befinden sich in der Lage der Gäste jenes schlauen Wirts, den mein Vater schwäbelnd zu zitieren pflegte. Er ließ über der Schank eine Aufschrift anbringen, auf der ein für allemal zu lesen stand: So ist's einmal und bleibt dabei:
Wer morgen kommt, hat Zehrung frei.
Aber diejenigen, die morgen kamen, lasen den gleichen Text und mußten genau so ihre Zeche bezahlen wie die, die gestern und vorgestern dagewesen waren.
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