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Das aufgebrochene Tor : Predigten und Andachten gefangener Pfarrer im Konzentrationslager Dachau / Vorwort und Herausgeber: Martin Niemöller
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meinde hatte sich eine kleine Schar zusammengefunden, die zwischen oder neben diesen beiden stand, die nicht um poli- tische Machtfaktoren wußte, sich aber auch nicht ihrer Ab- stammung rühmen konnte. Sie wurden von.den einen ver- höhnt und von den anderen bemitleidet, da sie einen ganz, ganz anderen Weg gingen. Der Herr, vor dem sie die Knie beugten, war ohnmächtig und schmachbeladen. Wie konnte ein armer Zimmermannssohn aus einem fremden Land, der nicht einmal aus diesem Land herausgekommen war, den-' mern imponieren? War es nicht eine Schande, einen Mann anzubeten, der die Zeichen der Schmach offensichtlich an sich trug? So dachten die Juden. Ärgernis nannten die einen das Kreuz, und Torheit die anderen. Sie haben keinen Sinn für die Wirklichkeit des Lebens, so sagten die Griechen, sonst würden sie einsehen, daß eine so kleine Schar nichts gegen eine gewaltige Welt vermag; daß man nicht gegen den Strom schwimmen kann. Sie haben kein Verständnis für Volks- tum und die Sprache des Blutes, das war der Vorwurf der Juden, sonst würden sie das Wesentliche nicht so gering achten. An diese kleine Schar und in dieser Zeit schreibt Paulus den gewaltigen Römerbrief, dessen wunderbare Losung, die wir eben hörten, wie eine Verheißung vor uns aufleuchtet. In eine Welt, die meint über ihn zur Tagesordnung über- gehen zu können, ruft er voll Glaubenstrost und Bekenner- trotz hinein:Ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht! Er war für die mächtigen Römer ein Jude und für die Juden war er ein Abtrünniger; damit waren sein Cha-

rakter und seine innere Haltung schon für beide in Zweifel

gestellt. Dazu kam noch manches Äußere, Paulus war ein kleiner, unscheinbarer Mensch, der von schwerer Krankheit geplagt wurde, und der keine Beziehungen zu der Welt hatter weder zu den Mächtigen noch zu den Weisen. Und doch

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