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Das aufgebrochene Tor : Predigten und Andachten gefangener Pfarrer im Konzentrationslager Dachau / Vorwort und Herausgeber: Martin Niemöller
Entstehung
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GELEIT WORT

Der Bitte, diesem Büchlein ein Wort mit auf seinen Weg zu geben, entspreche ich um so lieber, als es mir selber, wenigstens im letzten Vierteljahr meiner Konzentrations­lagerhaft, auch vergönnt war, vor einem Kreis ganz weniger Menschen eine Anzahl Predigten zu halten. Daher weiß ich, was diese Mahnungen und Tröstungen aus Gottes Wort uns Gefangenen inmitten unserer täglichen Not bedeutet haben.

Für den Leser wird es freilich nötig sein, sich ein wenig in unsere Lage zu versetzen und damit in die Lage derer, die hier das Amt der Verkündigung ausübten; es handelt, sich bei den vorliegenden Predigten und Andachten nicht um die gleiche Art der Verkündigung, wie wir sie aus den sonntäglichen Gottesdiensten der Gemeinde kennen. Es han­delt sich um die brüderliche Anrede an Brüder im Amt; denn den Gefangenen, die nicht Pfarrer waren, war der Besuch der Gottesdienste nicht gestattet; ihnen konnte nur hier und da mal im Verborgenen ein stärkendes Wort zugeraunt oder zugeflüstert werden.") Und eben darin wird die eigentliche und tiefste Not unseres Gefangenseins offenbar: es gab für uns praktisch keine Möglichkeit mehr, unser Amt an alle Welt auszurichten. Was aber blieb, war der Auftrag des Herrn, uns ,, mit solchen Worten untereinander zu trösten".

Dieser Trost aber konnte im Grunde eben nur darin bestehen, daß wir einander halfen oder wenigstens zu helfen suchten, die Fülle dessen, was Gott uns in Jesus Christus geschenkt hat und schenken will, in der Vertiefung in das Wort Gottes zu suchen und das, was wir dort fanden, ein­

") Der Pfarrerblock war von dem übrigen Lager durch ein Drahtzauntor getrennt, welches, Tag und Nacht geschlossen, erst von den einrückenden Ame­rikanern zur allgemeinen Benutzung geöffnet wurde. Darauf nimmt der Titel des Buches Bezug. Der Herausgeber.

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