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Dachau : Erlebnisse im Konzentrationslager / von Konrad Wüest Edler von Vellberg
Entstehung
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Hausgehilfin hatte diese Frau sich eine seit fünf Jahren eingesperrte Bibelforscherin angefordert. Der Mann dieser Frau war auch irgendwo in einem Lager. Seit langer Zeit hatte sie keine Nachricht mehr von ihm. Desgleichen von ihren beiden Kindern mit sechzehn und achtzehn Jahren, die ebenfalls irgendwo den Ungeheuerlichkeiten des Nazi- regimes überantwortet waren. Dafür durfte der weibliche Häftling die Brut des 44-Führers großziehen.

Auch der Waldarbeiter und Hauptscharführer Trenkle hatte eine solche Brut von sechs Rangen. Fürderen Auf- zucht unterhielt er eine private Kaninchenzucht mit sechzig bis siebzig Tieren. Das Futter mußten selbstverständlich

die Häftlinge aus Lagerbeständen besorgen, wie sie für die

Wartung der Tiere aufzukommen hatten. Einem, dem fünf- jährigen rothaarigen Bengel des Trenkle, verabreichte Vell- berg einmal eine geziemende Ohrfeige, weil er ihn ange- spuckt hatte. Erbost lief dieser Sprößling zum Vater und plärrte ihm in Gegenwart Vellbergs folgendes vor:Wenn ich Lagerführer werde, werde ich diesen Capo sein ganzes Leben lang einsperren und anspucken! Ein ungeschmink- tes Spiegelbild des Nachwuchses jener Herren, die das tausendjährige Reich als Zukunftsbild den kindlich Gläubi- gen im deutschen Volke vorgaukelten.

Es bedarf keiner besonderen Betonung, daß diese organi- sierten und zusammengetragenen, aus Lagerbeständen ent- nommenen Sachen von den 44-Führern niemals bezahlt wurden. Hatten diese Güter gestern noch dem Staat gehört, so waren sie heute Besitz des Redwitz, Trenkle, Wagner oder, wie sie hießen, geworden. Wehe dem, der ihnen mor-

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