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1917 im Kriegssommer hatte ich durch den ,, Weiblichen Hilfsdienst" die Leitung der Landhelferinnen in der Bodelschwing'schen Arbeiterkolonie Hoffnungsthal bei Berlin/ Bernau übertragen bekommen. Es war ein Frauenarbeitsdienst.
1917
,, Ver=
im Herbst- ging ich nach Hamburg zur Kriegshinterbliebenen fürsorge. Bei den Hausbesuchen lernte ich in den Familien der Hafenarbeiter eine Reihe junger Anarchisten kennen, die die Anfänge der Kerenski - Revolution in Rußland miterlebt hatten, und die allesamt die Ausrottung des faulten Bürgertums" ankündigten. Äußerlich gesehen waren es alles präch tige Menschen. Das machte auf mich tiefen Eindruck, nachdem ich eine so gründliche Einführung in die Geschichte der sozialen Bewegung schon auf der Frauenschule erhalten hatte, insbesondere durch die Universitätsprofessoren Seeberg und Mahling.
In den Abendstunden besuchte ich das Sozialpädagogische Institut von Dr. Gertrud Bäumer , der damaligen Leiterin der deutschen Frauenbewe gung. Viele führende Frauen lernte ich dort kennen. Ich verehrte Gertrud Bäumer sehr, und es bereitete mir aufrichtigen Kummer, daß ich in entscheidenden Fragen oft entgegengesetzter Ansicht war wie sie. In ihrem Seminar über ,, Frauenarbeit", zu dem ich ein Referat über das ,, Problem der Heimarbeit" beisteuern durfte, habe ich über die Entwicklung, die Gebiete und Probleme der Frauenarbeit tiefer nachzudenken gelernt. Zur selben Zeit hörte ich( bei Sagebiel, im größten Saal Hamburgs ) einen Kriegsvortrag von dem national- liberalen, später demokratischen Reichstagsabgeordneten Dr. Friedrich Naumann. ,, Wir wollen keinen Sieg- Frieden, wir wollen einen Ausgleichs- Frieden!" schrie er in die vieltausendköpfige Arbeitermasse hinein. Er gebrauchte teilweise dieselben Ausdrücke und Bilder, die ich schon bei meinen Hafenarbeitern, mit denen ich auf freundschaftlichem Fuße stand, kennen und aus ihren Motiven heraus verstehen gelernt hatte. Manches leuchtete mir ein, daneben aber erkannte ich deutlich Trugschlüsse und Fehler.
Da ich schon damals der Überzeugung war, daß viele wirklich große führende Persönlichkeiten einen falschen Kurs steuerten, ich aber den richtigen Weg, der aus dem Irrgarten herausführen mußte, noch nicht erkannte, so entschloß ich mich zum Studium der Staats- und Sozialwissen schaften.
1918/20 Vorbereitung zum Abiturium. 1920/25 Studium der Staats- und Sozialwissenschaften an der Universität Berlin mit abschließendem philosophischen Doktorexamen. Dissertation:„ Typo logie der unverheirateten Arbeiterin". Referenten: Werner Sombart , L. v. Bortkiewicz, Eduard Spranger , Erich Marcks.
1925
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1922 erzählte uns Sombart ( bei Jahnke am Gendarmenmarkt , wo wir nach dem Seminar mit ihm zusammen zu sein pflegten): ,, Heute war der SowjetAußenminister Tschitscherin bei mir, wir haben zusammen einen 5- Jahresplan für die Sowjet- Union ausgearbeitet." Sombarts liberaler Standpunkt, die verschiedenen Wirtschaftssysteme und Betriebsgrößen zwanglos nebeneinander bestehen zu lassen, damit die Entwicklung, die ja überall anders bedingt ist, natürlich verlaufe, ist allerdings vom Sowjet- Staat nicht mit übernommen worden.
1925 fragte ich Sombart , welchen praktischen Weg er zur Lösung der sozia len Frage sehe. Er antwortete mir rein persönlich: ,, Sorgen Sie dafür, daß die Arbeit der Frau wieder einen Sinn bekommt, und die soziale Frage ist gelöst."
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Sommer zum Studium der sozialen Frage in England. Ich gewann Einblick in die gespannten Verhältnisse auf den sozialen Arbeitsgebieten der Quäker und der Hochkirchlichen. Letztere erklärten, die Quäker seien Kommunisten, sie arbeiteten an der Unterminierung des Empire Auch die Führer, Mitgliederfamilien und Betriebe, sowie Veranstaltungen der mit


