Oft fielen Schüsse. Wir machten uns nichts daraus. Ich weiß nicht, wieviele erschossen wurden. Dann kam der Tag, an dem das Artilleriefeuer näherrückte. Es war Musik für unsere Ohren. Die ,, Rote Armee "- wird sie uns befreien? Sollte unsere Hoffnung Wahrheit werden? Oder sollten wir nur sterbend das junge Morgenrot der Freiheit sehen dürfen?
Der nächste Morgen eine Enttäuschung. Weitermarschieren! Also war der Kessel noch nicht geschlossen.
Die SS hatte es verstanden, durch Lug und Trug Rote- KreuzPakete für sich zu ergaunern. Nicht nur, daß sie uns verhungern und verkommen ließen, sie, die Satten, stahlen uns das, was das Inter nationale Rote Kreuz uns zugedacht hatte. Durch unsere Wachsamkeit konnte ein Teil der gestohlenen Pakete durch das Rote Kreuz noch für uns ausgeteilt werden. Die abrückenden Marschkolonnen erhielten dann je fünf Mann ein Paket. Die SS - Lagerführung hatte aber ihren Begleitmannschaften je Mann ein Paket ausgehändigt. Die nächsten Tage immer wieder marschieren, hungern, schlafen im nassen Moos; Krankheiten und Massenausfälle.
Durch das Einschreiten des Internationalen Roten Kreuzes wagten es die SS - Banditen nicht mehr, die Erschöpften umzulegen. Das Internationale Rote Kreuz sammelte die am Wege Liegengebliebenen auf und transportierte sie mit Lastwagen fort. Dennoch hörte das Morden nicht auf. Am 2. Mai 1945, dem Tage der Kapitulation vor Schwerin , wüteten die SS - Bestien noch; der berüchtigte SS- Obergruppenführer Pohl holte persönlich aus den einzelnen marschierenden Kolonnen wahllos die Opfer und erledigte sie durch Genickschuß.
Als eine Kolonne am 2. Mai durch Crivitz zog und mit Gesang der alten Lagerlieder die verstopften Straßen erfüllte, trat ein Angehöriger der Stadtkommandantur, ein Hauptmann der Luftwaffe, vor diesen Zug und erklärte die singenden Häftlinge für Meuterer. Er wollte sofort Befehl zum Erschießen geben. Das geschah kurz vor der Kapitulation der Wehrmacht. Die Marschkolonne, bei der ich mich befand, hatte zur Bewachung einige Häftlinge, die man in Sachsenhausen in SS- Uniform gesteckt hatte. Das war für uns günstig. Sie hielten mit uns zusammen.
Am 2. Mai, abends, wir waren kurz vor Schwerin , machten sich unsere Peiniger, die SS - Banditen, aus dem Staube. Nun waren wir frei wenn auch noch nicht in sicherer Hut.
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Am 3. Mai erreichten wir die amerikanischen Truppen. Jetzt erst waren wir uns bewußt, daß wir dem würgenden Griff dieser Mordbrenner doch noch glücklich entronnen waren.
Unsere Freude war groß.
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