An einem eisigen Januartag des Jahres 1940 standen wir so 18 lange Stunden. Ohne Mantel, ohne wärmendes Unterzeug! Der Schnee häufte sich auf den ausgemergelten Körpern, die langsam erstarrten, erkalteten, erfroren. Einer sank lautlos auf die weiße Erde. Bald noch einer, wieder einer. 70 bis 80 waren es schlieẞlich an einem Tag, die fortgetragen wurden aus der langen Reihe ihrer leidenden Kameraden. Sie waren gestorben aus Entkräftung, Erschöpfung; sie waren gestorben am ,, Stehen".
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Das Mittagessen wurde im Lager abends ausgegeben. Nicht etwa, weil man es aus technischen Gründen nicht mittags liefern konnte, sondern ganz einfach deshalb, weil man dadurch eine warme Mahlzeit einsparen wollte. Eine halbstündige Mittagspause gab es aber trotzdem auch für diejenigen, die nicht zu auswärtigen Arbeitskommandos eingeteilt waren. Die mußten auf dem Appellplatz antreten und stehen. Wer das Kunststück fertiggebracht hatte, bis Mittag seine tägliche Brotration von 100 g ( das sind zwei normale Schnitten!) nicht schon restlos verzehrt zu haben, der konnte essen. Und wer ein Restchen Tabak aufgetrieben hatte, der durfte die letzten fünf Minuten der Pause rauchen. Die meisten jedoch standen, apathisch geworden durch körperliche und seelische Entbehrung, und warteten nur auf das Ende der entsetzlichen ,, Mittagspause", auf das Ende des Stehens, dieser heimtückischen Folter. Doch nicht alle erlebten es; täglich starben allein in der Mittagspause 10, 20, 30 auch 40 Kameraden. Und abends war es nicht anders. Mußten wir dann nochmals zwei bis drei Stunden stehen, so gab es wieder etwa 30 Tote!
Das warme Essen, das wir dann schließlich erhielten, bestand wohl acht Monate im Jahr täglich aus Kohlrüben, oder aus Kartoffeln, erfrorenen, fast gänzlich ungenießbaren, natürlich. Wurden die großen Kessel geöffnet, in denen man die Kartoffeln gekocht hatte, so erfüllte ein ekelerregender Gestank die ganze Baracke. Aber der unstillbare Hunger ließ allen Widerwillen überwinden. Und wieder starben viele an diesem verwesten Fraẞ.
Warum waren sie auch so gierig, wenn ihnen das Essen nicht bekömmlich erschien? Wer zwang sie zum Essen? Ihre SS - ,, Betreuer bestimmt nicht. Dié konnten nicht dafür, wenn die Leute am Essen starben. Die hatten natürlich auch keine Schuld daran, daß die Häftlinge das Stehen so schlecht vertrugen. O ja, die SS von Sachsenhausen war völlig schuldlos! Das waren Leute, die auch nur ihre ,, Pflicht" taten und so harmlos im Geiste waren wie etwa jener Lagerblockführer, der einen Gefangenen nach seinem Beruf fragte, und, als er die Antwort ,, Revolverdreher" erhielt, erwiderte, dann hätte er, der Häftling, also gestohlen. Jener wagte den Einwand, daß ein Revolverdreher ja ein Spezial
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