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KZ Sachsenhausen / im Auftrag des Hauptausschusses "Opfer des Faschismus" herausgegeben von Lucie Großer
Entstehung
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zimmer des Reichspressechefs Dr. Dietrich an einem riesigen Radiogerät Moskau und London zu hören. Die Nachrichten wur­den dann im Lager an zuverlässige Antifaschisten weiterver­breitet. Ebenso war es in der Berkaer Straße, einer Zweigstelle des RSHA. , Abt. Diplomatenüberwachung und ähnliches. Wir wurden zu Aufräumungsarbeiten eingesetzt. Dort erhielten wir fast regelmäßig von einer Scheuerfrau den gedruckten Abhör­bericht des Rádiodienstes Seehaus, der Nazizensurstelle, mit allen Berichten der Auslandssender in deutscher Sprache. Oder wir entdeckten beim Aufräumen wichtiges. Akten- und Gestapo­material. Danach fiel uns Emigrantenliteratur in russischer, fran­zösischer, englischer und holländischer sowie in deutscher Sprache in die Hände, von dem sehr viel mit ins Lager wanderte und von Hand zu Hand ging. Und so wurden in allen Außenkomman­dos in und um Berlin illegale Verbindungen geschaffen, Fühlung mit Fremdarbeitern und mit deutschen Antifaschisten aufgenom­men. Ja, es war sogar möglich, illegales Material aus der Freiheit ins Lager nach Sachsenhausen zu schmuggeln, wenn auch nur in einzelnen Exemplaren, was ja wohl verständlich ist.

Aber auch im großen Lager in Sachsenhausen selbst blieb man nicht untätig. Hier wurden ebenfalls in allen nur möglichen Arbeitsstellen fremde Sender gehört. In der Elektrowerkstätte wur­den deutsche Antifaschisten mit Fremdsprachenkenntnissen oder antifaschistisch eingestellte Tschechen oder Polen als Radiotechni­ker zu den Reparaturarbeiten an den Apparaten der SS eingestellt. Daneben gab es in den Arbeitsstellen viele ,, Schwarzhörer", ja, wir haben sogar im Dienstzimmer des Arbeitsdienstführers, des berüchtigten ,, Eisernen Gustav", während dessen Abwesenheit, und wenn alles gut gedeckt auf Beobachtungsposten stand, Mos­kau und London gehört. Daneben lief die straffe Zusammen­fassung aller Antifaschisten. Die besten Kameraden hatten die Aufgabe, alle politisch auf dem Laufenden zu halten. Daneben waren einige wenige Aktivisten damit beauftragt, für eine kom­mende Auseinandersetzung mit der SS die nötigen Grundlagen. zu schaffen. Über den vollen Umfang dieser Vorbereitungen bin ich deshalb nicht unterrichtet, da ich erstens mal Häftling auf dem Außenkommando Berlin- Lichterfelde, Wismarer Straße, war, zum anderen diese Dinge natürlich streng konspirativ durch­geführt wurden. Ich weiß also nur von Dingen, an denen ich selbst beteiligt war.

Da mein Bericht die Vorgänge im KZ. Sachsenhausen nur bis zum Juni 1944 schildert, wäre es die Aufgabe anderer Kameraden, die Vorgänge vom Juni 1944 bis zum letzten Tage der SS - Herr­schaft im Konzentrationslager zu erzählen.

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Wunderlich.