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KZ Sachsenhausen / im Auftrag des Hauptausschusses "Opfer des Faschismus" herausgegeben von Lucie Großer
Entstehung
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zu beherrschen, wie wir es uns wünschten. Durch seine frische, unbekümmerte, lustige Jungenart lullte er den Argwohn der SS so ein, daß er bald ungehindert Zugang zu allen Aktenschränken hatte. Was dabei alles getan wurde, klingt geradezu unglaublich. Jetzt erfuhren wir alles, was wir wissen wollten, ob es sich um Fernschreiben des Reichsführers des RSH.- Amtes handelte oder die genaue Einsicht in Akten derer, die sich im Lager als Anti­faschisten ausgaben, in Wirklichkeit jedoch Nazis oder in Un­gnade gefallene Gestapospitzel waren. Oder wir entfernten aus den Akten bekannter Antifaschisten irgendwelche belastenden Protokolle, kurz, es war eine ,, kribblige", aber fruchtbare Tätig­keit. Später ging unser Franzel noch weiter. Es kam ein neuer Kriminalsekretär; der war korrupt bis in die Zehenspitzen, er brauchte praktisch alles. Wir konnten ihm ja alles besorgen: ob. es nun ein Blumenstrauß, eine grüne Gurke, Tomaten, eine Leder­tasche oder Ledersohlen aus SS - Beständen waren, er konnte alles gebrauchen. Franzel stellte natürlich seine Gegenforderungen. Zu­erst einmal Einblick in Geheimsachen, die nur dem Chef der Pol. Abt. zugängig waren. Dies wurde zum Teil möglich. Dann: Es gab sehr viele Häftlinge, die sich ihre Freiheit mit neuen Aussagen oder auch, indem sie über interne Dinge der antifaschistischen Arbeit im Lager Meldung machten, erkaufen wollten. Von diesen Dingen wollten wir wissen, erstens, um die Lumpen unter uns Häftlingen kennenzulernen, zweitens, um diese Meldungen ein­fach abzubiegen. Das letztere wurde so gemacht, daß der Krim.­Sekretär die Vernehmung und das Protokoll durchführte und dann alles in unsere Hände gab. D. h. wir waren natürlich nur an Dingen gegen Antifaschisten interessiert. Als Franzel dann krank wurde, traten sein Erbe genau so gerissene Hochverräter oder später wieder Rotspanienkämpfer an. Erst im Frühjahr 1944 ging diese Verbindung verloren.

Eine andere Tätigkeit wurde in den Außenkommandos ent­faltet. Verbindung zur Außenwelt, zu den Angehörigen und damit auch zu denen, die in der Freiheit antifaschistisch arbeiteten. Vor allem kamen die Kommandos in Berlin in Frage, sowie Komman­dos, die in der Prinz- Albrecht- Straße oder in anderen Gestapo­Dienststellen arbeiteten. Diese Kommandos wurden fast aus­schließlich mit guten deutschen Antifaschisten besetzt. Was dort alles getan wurde, klingt ebenfalls fast unglaublich. Also in der ..Höhle des Löwen", der Prinz- Albrecht- Straße. Der Vorarbeiter dieses Kommandos, ein Kamerad aus dem Sudetengebiet, verstand es bald, sich dort eine Position zu verschaffen, die es möglich machte, von allen geheimen Dingen Kenntnis zu bekommen. Es gab dort ein kleines Zimmer, in dem eine Weiche der Rohrpost

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