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KZ Sachsenhausen / im Auftrag des Hauptausschusses "Opfer des Faschismus" herausgegeben von Lucie Großer
Entstehung
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Tagen einmal, an anderen zweimal, dreimal und öfter. Sie wurden gebracht, einzeln und in Gruppen. Wir zählten solche bis zu 35 Mann. Solche großen Gruppen kamen fast immer in die Gas­kammer. Doch sind auch Gruppen von 10-15 Mann gehängt worden. An eine solche Gruppe von 12-15 Mann erinnere ich mich besonders, weil ganz junge Menschen, halbe Knaben noch, sich darunter befanden. Sie wurden erst ins Krematorium ge­führt zum Entkleiden. Dann kamen sie im Gänsemarsch hinaus­gelaufen, nackend, und mußten im Laufschritt in die Sandkuhle hinunter zum Galgen. Es hat mehr als zwei Stunden gedauert, ehe der Rapportführer Böhm und die SS- Blockführer zurück­kamen. Viele der zum Tode Geführten waren so schwach vor Hunger und Mißhandlungen, daß sie sich nur mühsam hinschlepp­ten. Sie faßten sich unter die Arme und stützten sich gegenseitig. Öfter kam es vor, daß einer oder einige von den anderen auf dem Rücken oder an Armen und Beinen ins Krematorium getragen wurden. Jüngere Leute, die einzeln oder auch zu zweien und dreien gebracht wurden, mußten den Weg vom Lagertor zur Hin­richtungsstätte( 15 Minuten) im Laufschritt zurücklegen. Hinter ihnen fuhren die SS - Leute auf Fahrrädern und trieben sie an.

Die in Sachsenhausen durch Kugel, Galgen und Gas hingemor­deten Menschen kann man im wesentlichen in drei Gruppen glie­dern: Häftlinge, ausländische Zivilisten und deutsche Zivilisten. Bei allen drei Gruppen waren Frauen, bei den ausländischen Zivi­listen viele Jungen im Alter von 15 bis 18 Jahren. In den Jahren 1944 und 1945 nahm die Zahl der von Gestapo und SD. in das Lage zur Liquidierung eingelieferten deutschen Zivilisten stark zu. Ich sah unter ihnen Berliner Straßen- und Reichsbahnangestellte und viele im blauen oder grauen Arbeitskombinationsanzug: offen­bar direkt aus dem Betrieb weg verhaftet. Im Februar 1945 setzte seitens der SS die letzte große Terrorwelle gegen die Häftlinge im Lager ein. Sie schritt zu Massenliquidierungen. Eine Woche lang fuhr sie täglich 5-8mal lastautoweise die Menschen in das Krematorium. Dort standen 10-12 Blockführer und die dort täti­gen BV. mit Knüppeln in den Händen bereit. Mit Gebrüll und Prügeln wurden die todgeweihten Häftlinge aus dem Wagen in die Gaskammer getrieben. Dann fuhr das Auto zurück, um neue Schlachtopfer zu holen. In dieser Woche dürften schätzungsweise 2000 bis 2500 Häftlinge auf solche Weise den Tod gefunden haben. Darunter befanden sich 400 bis 500 Kranke aus dem Revier, be­sonders viele Juden.

Unvergessen wird mir der letzte Wagentransport zu ,, liquidie­render Häftlinge sein. Es war kein Auto, sondern ein offener Rollwagen. Er wurde gezogen und geschoben von dem zum Wagen

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