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Mützen ab ... : eine Reportage aus der Strafkompanie des KZ. Auschwitz / Zenon Rozanski
Entstehung
Seite
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,, Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern..."

Vielleicht das erstemal in meinem Leben dachte ich über den Inhalt dieser Worte nach Sollen wir vergeben?....

Ich lehne mich auf. Ich vergebe nicht...

*

In demselben Augenblick muß ich daran denken, daß es noch sehr lange dauern wird, bis meine Schuldigen gerichtet werden. Zur Zeit gehen sie frei herum, essen, trinken, rauchen und sind bestimmt weit davon entfernt, um Vergebung ihrer Schuld zu bitten... Aber ich bin sehr geneigt, es zu tun.

Wenn ich um Vergebung meiner Schuld bitte, so muß ich selbst vergeben... Auge um Auge.. Das ist doch ganz logisch... Je­mand beginnt zu singen. Nach einer Weile schließt sich der zweite, der dritte, der fünfte an Die ganze Zelle erdröhnt vom Gesang. ,, Im Lager Auschwitz war ich zwar..."

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War ich? War ich? Ich bin noch. Noch einige Tage bin ich... Sie änderten die Melodie. Bei mir bist du schön..." Reiner Wahnsinn!

Ich halte mir die Ohren zu. Der hüpfende Rhythmus des Fox­trotts bringt mich zur Raserei... Aber ich beherrsche mich. Viel­leicht brauchen andere gerade jetzt so etwas

...

Das Lied ist zu Ende, neue Stille. Noch beklemmender als vorher. Ich erhebe mich und beginne in der Zelle auf und ab zu schreiten. In der Dunkelheit trete ich auf irgendeinen Fuß...

,, Könntest mal achtgeben", höre ich eine gereizte Stimme. ,, Der hat sich den richtigen Ort und die richtige Zeit zum Spazierengehen ausgesucht..."

Der Mann hat recht. Ich lege mich wieder hin.

Weit nach Mitternacht schlafe ich ein.

Der nächste Tag vergeht ohne besondere Vorkommnisse. Wir er­zählen uns ununterbrochen die verschiedensten Geschichten. Um nur nicht an die Wirklichkeit zu denken. Dr. Sinkowicz spricht den ganzen Tag kein Wort. Nimmt an unserem Gespräch nicht teil, liegt ständig auf dem Rücken mit geschlossenen Augen... Der Lustigste von allen ist Stanko. Ein junger Kerl, ungefähr zwanzig Jahre alt, mit schönen blauen Augen und blonden Haaren. Er schüttelt die Witze nur so aus dem Ärmel, singt und führt uns vor, wie man ein­zelne Tänze in den Vorstädten Warschaus tanzt. Das sieht wirklich sehr komisch aus. Endlich ermüdet auch er, legt sich auf die Erde und schließt die Augen.

Und wieder ist es still. Die ersten vierundzwanzig Stunden sind verstrichen. Ich bin doch gespannt, wie lange man so aushalten kann. Vorläufig ist es ja nicht so schlimm.

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