Während der ersten Stunde sprachen wir alle über unser Schicksal. Was nun?
Soll dies tatsächlich das Ende sein? Vielleicht ändert sich noch etwas. Solche und ähnliche Fragen wirbelten durcheinander, aber niemand beantwortete sie. Endlich wurde es still. Jeder von uns vertiefte sich in seine eigenen Gedanken.
Ich lag als erster dicht neben der Tür. Längere Zeit konnte ich keinen Gedanken fassen. Eine Fülle verschiedenartiger Überlegungen stürmte auf. mich ein. Alle gipfelten in dem einen Gedanken: Gibt es noch eine Hoffnung?
Logisch betrachtet gab es keine. Ich war zu lange im Lager gewesen, um an ein plötzliches Wunder zu glauben. Hier gab es keine Wunder Wir waren zum Tode verurteilt, und es gab auf der ganzen Welt keine Macht, die uns hätte, retten können. Es blieben nur einige Tage, deren Anzahl von der Kraft des Organismus abhängig waren, und dann würde das Ende folgen...
Ich änderte die Lage und legte mich auf den Rücken. In der Zelle war es schon ganz dunkel. Die Stille, welche hier herrschte, war unerträglich.
Wenn sie uns wenigstens erschießen würden! Dieses hoffnungs; lose Warten ist ja das schlimmste. Der Magen, gewohnt, um diese Zeit Nahrung aufzunehmen, begann sich bemerkbar zu machen. Er zog sich zusammen und knurrte... Zugleich wurde es mir unheimlich klar: Ich bekomme ja nie mehr zu essen. Dieser Gedanke quälte mich wie eine aufdringliche Schmeißfliege und setzte sich in meinem Bewußtsein fest. Nie mehr... weder ein Stück Brot, noch einen Schluck Wasser Nichts!
Und grade um diese Zeit essen oben fünfhundert Menschen. Tausende meinesgleichen beugen sich im Lager über ihr Kochgeschirr mit Kaffee beißen in duftendes Brot....
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Was mag es wohl heut' zum Brot geben? Donnerstag... Da gibt es ja Margarine und Marmelade süß wie Zucker. Sie streichen sie aufs Brot und beißen hinein Verflucht nochmal!
Und außerhalb des Lagers essen um dieselbe Stunde Millionen von Menschen. In eleganten Restaurants bewegen sich zwischen den Tischen eilfertig Kellner im Frack. Womit darf ich dienen? Eine kalte Platte gefällig? Fisch? Fleisch? Und vielleicht gleich etwas Gesottenes? Wir haben ausgezeichnetes Rebhuhn in Sahne... Oder etwa ein rohes Beefsteak mit Zwiebeln und fettriefenden Pomfrits?
Ich fühle, wie trocken meine Kehle ist, wie heiß meine Lippen sind und wie mein Speichel immer dickflüssiger wird. Von Zeit zu Zeit schlucke ich ihn hinunter. Mit dem Speichel muß ich sparsam umgehen. Wenn ich alles hinunterschlucke, ach, das ist ja alles Unsinn!
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