Besuch des Bruders

Persönlicher Besuch im Lager war etwas ganz Außer- gewöhnliches und Seltenes. Dazu gehörte die Genehmi- gung des Reichssicherheitshauptamtes in Berlin , und die wurde nur schwer erteilt. Ich hatte nie mit einem per- sönlichen Besuch gerechnet. Und doch durfte ich diese erschütternde Überraschung und Freude erleben.

Im Oktober 1942 wurde ich von einer mit Pistole be- wappneten Aufseherin von der Arbeit weggeholt und zur Politischen Leitung des Lagers geführt. Was hatte das zu bedeuten? Was konnte schon Gutes hier erwartet werden? An Besuch dachte ich nicht, viel eher daran, daß ein Telegramm Telegramme wurden nicht ausge- händigt, sondern in der Politischen Abteilung den Häft- lingen vorgelesen mir die Nachricht vom Tod der schon lange erkrankten Mutter oder den Tod eines ge- fallenen Bruders verkündete; denn von unserem Jüng- sten, der bei der Reichsmarine diente, waren wir schon lange Monate ohne jede Nachricht. Darum bangten wir in ständiger Sorge um sein Leben. Mit solchen Ver- mutungen beschäftigten sich meine Gedanken auf dem Wege zur Politischen Abteilung, die sich außerhalb der Mauern des Lagers befand. Die Aufseherin durfte mir nicht sagen, worum es sich handelte. Vielleicht wußte sie es auch gar nicht und ich wagte nicht zu fragen. Mit starkem Herzklopfen war ich endlich vor dem betreffen- den Zimmer angelangt. Von SS wurde ich vor der Tür in Empfang genommen. Ich war erschüttert, als ich auf einmal meinem Bruder Heinz gegenüber stand. Dieses Wiedersehen bleibt mir unvergeßlich.

Auch mein Bruder war von der vorhergehenden Span- nung und Erwartung, dann von der Sträflingskleidung, in der er mich da vor sich sah, aufs Tiefste bewegt. Ich sehe noch heute, wie sein Kinn und alle Gesichtsmuskeln zuckten. Doch er beherrschte sich und erzählte mir, was man bei solchem Wiedersehen unter SS -Bewachung sich berichten konnte. Ich selber sprach nichts. Nur einige Fragen, die mir auf der Seele brannten, brachte ich zit-

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