Wenn nach solchen Stunden alles zur Ruhe gegangen war, schlich ich noch einmal durch die beiden Schlaf­räume A und B meines Blockes, betrachtete die abge­härmten, enttäuschten, blassen Gesichter und war SO froh, daß diese Ausgestoßenen der menschlichen Gesell­schaft einmal wieder etwas Freude erlebt hatten.

An einem solchen Abend hörte ich, als ich bereits auf meiner Pritsche lag, bitteres Schluchzen. Es kam aus dem dritten Stock. Ich kletterte hinauf und fragte die schluchzende Toni, was sie denn so bedrücke. Toni war ein Mädchen von neunzehn Jahren. ,, O, Nanda, Nanda!" klagte sie traurig. Ich kannte ihr Leid, die unerquick­lichen Verhältnisse ihrer Familie und streichelte den fie­berheißen Kopf und tröstete sie, so gut es ging. Sie war zufrieden, daß jemand ihr gut war und schlief bald. unter noch leisem Weinen ein. Am andern Morgen kam sie heimlich mit einem kleinen Spiegel zu mir geschli­chen, den sie mir schenken wollte; sie wußte, daß mir der meine am Tage vorher mitsamt allen Toilettensachen aus dem Spind gestohlen war. Ein Spiegel war im Konzentrationslager eine große Seltenheit und natürlich von uns Frauen begehrt, weil fast unentbehrlich. Aber ich nahm ihn nicht an, wußte ich doch, wie schwer es ihr wurde, ihn zu missen. Und ich sagte ihr, sie sei ja noch jünger und schöner als ich und brauche ihn darum notwendiger. Ich könne meine schlichte Frisur schon ohne Spiegel fertig bekommen und hätte gar nicht das Verlangen, mich so oft im Spiegel zu sehen. Sie nahm meine Absage richtig auf und war sichtlich froh, den kleinen Spiegel behalten zu dürfen.

Postzensur

Mit welcher Spannung und Ungeduld erwarteten wir alle den Samstag. Das war der einzige Tag in der Woche, an dem die eingelaufene Post für die Gefange­nen zur Verteilung kam. Die Blockälteste holte die für die einzelnen Blocks ausgelegten Briefe aus dem Appell­

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