Dein Mai macht uns frei!"
Und das war mein Abendgebet. Dieses Wort:„ ,, Dein Mai macht uns frei!" hatten wir, allerdings mehr als hoffendes Gebet; denn als vernünftige Erwartung, in den letzten Monaten häufig im Lager gesprochen.
In der Sakristei hatte ich an diesem Abend noch ein kleines, tief ergreifendes Erlebnis. Die zwei kleinen Juden standen da, der 11jährige Heinrich, ein polnischer Jude, und der 13jährige, ein kleiner Slowake, und beide weinten, dieses Mal aber vor lauter Freude und Glück. Sie erzählten mir. Beide hatten Eltern und sämtliche Geschwister in Auschwitz verloren, waren also ganz allein auf der Welt. Der 13jährige, bereits fünf Jahre im Lager, der 11jährige eingesetzt zur Aufräumungsarbeit auf dem bombardierten Flugplatz München- Schleißheim, und ich werde nie vergessen, wie der 11jährige mit glückhaftem Stimmchen immer wieder sagte:„ Und nun hat mir der liebe Gott doch geholfen!"
Am andern Morgen war ich beim ersten Dämmern wach. Ich richtete mich auf, hockte mich auf der Bank hin, zog die Decke eng um mich und schaute in die dunkle Kirche hinein. Ich hatte ein unnennbares Glücksgefühl. Nach den Erschöpfungen der letzten Tage, nach dem furchtbaren Todesgrauen der letzten Tage und Wochen, nach der Unsicherheit, was mit uns geschehen würde, ja, nach der gewissen Todesaussicht, die doch noch während des gestrigen Tages vor uns gestanden, war es nun auf einmal, als wenn alles dahingeschmolzen wäre und versänke, als ob es schon garnicht mehr wahr wäre. Ich konnte immer wieder nur das Eine denken: frei, daheim. Daheim im wirklichen Sinne, bei Vater und Mutter, denn dort vorne im Tabernakel war ja Gott und langsam, langsam grüßte mich in dem Licht des heraufziehenden Morgens von allen Seiten das Bild der lieben Muttergottes: dort der
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