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Gefangener der Gestapo / von Wilhelm Poiess
Entstehung
Seite
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bin ich Zeuge einer

gräßlichen Szene auf dem Zugangsblock. Da ist ein Pole mit einem fürchterlich ausgehunger­ten Körper und Gesicht. Er hat in einer Nacht aus einem Spind ein Stück Brot gestohlen. Er ist er­wischt worden und nun beginnt eine grausame Pro­zedur. Zuerst schlagen der Stubenälteste und ein russischer Dolmetscher wild auf ihn ein, bis das Ge­sicht blutüberströmt ist. Besonders dem russischen Dolmetscher sieht man an, welch viehische Befriedi­gung ihm dies bereitet. Der SS - Blockführer kommt, die Sache wird ihm gemeldet und er boxt den Polen kunstgerecht nach Strich und Faden, bis er blutüber­strömt am Boden liegt. Dies alles wird mit einer ge­spielt sittlichen Entrüstung getätigt. Man redet von Kameradschaftsdiebstahl, als ob diese ausgehungerte Masse, eng zusammengepfercht, überhaupt Kamerad­schaft halten könnte, als ob der Pole nicht eher aus Hunger denn aus Bosheit das Stück Brot genommen. Das Gesicht blutverschmiert, wobei immer wieder auf ihn eingeschlagen wird, muß er schließlich zu­nächst eine Stunde einen Hocker mit gestreckten Armen in Kniebeuge halten. Danach wird er für den ganzen Tag auf diesem Hocker auf die Blockstraße gestellt, mit einem Schild, darauf in vier Sprachen die Schrift: Ich bin ein Kameradschaftsdieb!" Was hier­bei besonders widerlich ist, ist die Tatsache, daß Häftlinge, die beispielsweise nicht davor zurück­schrecken zu, organisieren",- wie der Fachausdruck lautet hier den sittlich Entrüsteten spielen, wäh­rend man ihnen ansehen kann, daß sie hieraus nur ihre Selbstbefriedigung bei der Tortur suchen. Der Pole ist so ausgehungert, und man sieht ihm das auch an, daß er nach zwei Tagen rückfällig wird. Er ver­greift sich am Paket eines Mitgefangenen. Die darauf erfolgende Tortur ist unbeschreiblich. Mit Hockern, mit Stuhlbeinen, mit Gummiknüppeln, mit Fäusten wird auf ihn losgetrommelt. Er muß tagelang auf dem

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