In dieser Not hecken sich die beiden einen naiven Plan aus. Sie hatten ein paarmal ein Paketchen von der Schwester an der Mosel bekommen und denken sich: da wird es gut sein. Brennen also eines Tages durch und kommen auch bis Bernkastel , wo die Schwester wohnt. Dort stellen sie sich dem Bürgermeister und suchen um Arbeit nach. Der aber übergibt sie kurzerhand der Gestapo , und nachdem sie kurze Zeit im Trierer Gefängnis gewesen, werden sie nach Dachau verbracht.
Das ist ein typisches Schicksal und auf solche Weise sind viele junge Russen oder Polen im Lager ge- landet.
Schon auf dem Transport fiel mir ihr sauberes Aus- sehen auf. Sie waren auch noch ziemlich gut in Zeug. Sie hingen sehr zusammen und man sah sie immer wieder, auch jetzt auf dem Block, miteinander gehen, der Jüngere den Arm um den Nacken des Älteren gelegt, der Ältere hat ihn in der Mitte um- gefaßt. Iwan spricht schon ganz gut deutsch und auch Fedor kann sich einigermaßen ausdrücken. Bald gebe auch ich ihnen zu essen mit und daraus hat sich eine dauerhafte Freundschaft entwickelt. Fedor war auf einer Mittelschule gewesen, war geistig sehr interessiert, suchte nach Büchern, aber auf dem Zu- gangsblock gab es so etwas ja nicht. Iwan war ein richtiger 17jähriger Flegel, doch guten Charakters. Religiös waren beide gänzlich unwissend. Iwan er- zählte, seine Großmutter habe noch Ikone gehabt und gesagt: lieber ließe sie sich totschlagen, als daß sie sie hergäbe. Die Mutter habe manchmal in einem Buch gelesen, von einem gewissen Jesus Chri- stus, der am Kreuz gestorben ist.(Der dolmetschende polnische Priester, der mit mir zusammen auf dem Zugangsblock ist, machte mich darauf aufmerksam: er spricht von einem gewissen Jesus Christus wie wenn wir von Buddha sprechen.) Dunkel erinnerte er sich auch noch, früher einmal um Ostern in der Kirche gewesen zu sein. Sonst aber ist er religiös
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