derum„Ich weiß nicht!“ sagen mußte, wiederholten sich die rohen Boxschläge ins Gesicht. Er stand auch sichtlich unter einer Furchtpsychose, wenn er nur einen Wachtmeister sah. Dieser einsame Nachmittag im Zug war für ihn aber ein seltenes Erlebnis, in dem die ganze schöne Vergangenheit vor ihm leben- dig wurde. Ich amüsierte mich über sein Erstaunen, das er an den Tag legte darüber, daß ich als Priester in Theaterdingen und sogar im Operettenfach da- heim war und Kenntnisse an Namen und Künstlern ‘zeigte. Er war auch religiös sehr interessiert und durch die Schicksale und insbesondere durch die letzten Tage und Leiden seiner Frau für Fragen des Glaubens aufgeschlossen.\
Aber schließlich nahm diese Fahrt doch ein Ende. Wir langten in der Dunkelheit in Nürnberg an und nun mußte ich es zum erstenmal erdulden, daß mir Handschellen angelegt wurden. Wir wurden zu zweit und zu dritt aneinandergekoppelt und so mit einem großen Polizeiaufgebot wiederum durch die gaffende Menge in einen Bahnhofskerker geführt, dort in fürchterlicher Enge untergebracht. Wiederum fiel mir hier das russische Brüderpaar Iwan und Fedor D. auf. Sie saßen da und hielten sich eng um- schlungen. Dann wurden wir wie Sardinen in die grüne Minna verpackt und in unser Nachtquartier überführt, eine ehemalige Turnhalle. Alldort war schon eine riesige Menge Gefangener. Sie lagen zum kleineren Teil auf schmutzigen Strohsäcken, zum größten Teil auf dem unglaublich verdreckten Fuß- boden. Wir mußten nun dazwischen ein Plätzchen finden, und so blieb uns nichts anderes übrig, als ebenfalls auf dem Fußboden Ruhe zu suchen. In dem gleichen Saal waren an der Seite die Kübel zum Austreten, unglaublich verschmutzt, stinkend, größ- tenteils übergelaufen und die ganze Umgebung ver- schmierend. Zu essen bekamen wir an dem Abend nichts, und als ich mein Stücklein Brot, das ich noch bei mir hatte, verzehren wollte, mußte ich feststellen,
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