mehr gesehen. Zufalloder Fügung? An diesem Nachmittag besuchten mich dann diese beiden und es war sogar der Gestapobeamte nicht dabei, sodaß wir eine volle Stunde beieinander bleiben konnten. Das war fein. Ich fragte betont:„Habt ihr meinen letzten Brief bekommen?“ und meinte den Zettel von morgens. Meine Kusine antwortete fest:„ja, ja.“ Sie meint meinen letzten Brief. Diesem Mißverständnis verdanke ich meine Seelenruhe.
Am nächsten Freitag, dem Wäschetag, besteige ich wiederum meinen Turm, nachdem ich die Wäsche er- halten habe. Wirklich: drüben an der Ecke steht Jo- hann-Ernst. Freudige Begrüßung nach dieser langen Zeit. Wir müssen natürlich vorsichtig sein, daß uns kein Wachtmeister entdeckt; aber mit den Augen und Händen kann man sich auch allerlei sagen. Wieder will ich einen Zettel hinauswerfen mit einem abenteuerlichen Plan. Ich werfe ihn auch mit großem Schwung, da verfängt er sich im Eisen- gitter und kommt so unglücklich zu liegen, daß ich ihn nicht greifen kann, aber auch das geöffnete Fenster nicht mehr geschlossen werden kann, weil er sich in die Mitte eingeklemmt hat. Das Fenster zu Öffnen und zu schließen ist nur dem Wachtmeister erlaubt und der muß es also merken, wenn es mir nicht gelingt, den Zettel vorher zu entfernen. Nun habe ich aber wirklich Angst. Ich denke: helfe, was helfen mag, so oder.so. Ich baue meinen ganzen Spind ab von der Wand, lege ihn quer auf das Kübelgestell, darauf wieder Waschbecken und die Kanne und balanciere von der Pritsche aus auf die- sen Turm. Während Johann-Ernst mit sichtlicher Angst meinen Turnkünsten zuschaut, versuche ich mit meiner Zahnbürste den Zettel zu angeln, jeden Augenblick gewärtig, von der Straße aus oder vom Gang her von einem Wachtmeister entdeckt zu wer- den. Doch es geht gut. Dies aber"überzeugt mich davon, daß dieser Weg, hinter dem Rücken der Ge- stapo Verbindung zu bekommen, nicht wohl gangbar
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