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Gefangener der Gestapo / von Wilhelm Poiess
Entstehung
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auf. Herr Pater, was habe ich mich am vergange- nen Tag geärgert bei Ihrer Aufnahme, dieser Gro- bian!(Er meint die Drohung des aufnehmenden Wachtmeisters, daß die Kugel für mich zu schade sei und ich gehängt werden müsse.)Das muß sich unsereiner nun anhören und kann nichts dazu sagen. Aber Herr Pater, trösten Sie sich. Wir wollen mal abwarten, wer von Ihnen beiden zuerst hängt, der oder Sie.

Ich kann nicht sagen, wie ungemein mich diese menschlichen Worte rührten. Auf einmal wußte ich: Ich bin nicht allein. Es gibt Menschen, die mit mir fühlen. Die Mitbrüder wissen, daß du hier bist und Gott hat mich gegrüßt. Darum war der Weih- nachtstag von einer stillen Fröhlichkeit. Ich hielt so- gar Bescherung ab, denn ich fand in meiner Tasche noch einen Apfel, den Fräulein Mary(die gute Haus- hälterin aus dem Pfarrhaus in Eschhofen ) mir in letzter Sekunde eingesteckt hatte. Den habe ich Bissen für Bissen als Weihnachtsbescherung gegessen, das erste, was ich seit meiner Verhaftung wieder essen konnte. Mittags gab es ein übles Kraut, das ich nur eben kostete und dann wieder zurückgehen ließ. Abends eine Mehlsuppe, die ich ebenfalls kaum anrührte. Nachher, in der Dunkelheit des Weihnachts- tages, hörte man zaghaft bald aus dieser, bald aus jener Zelle gepfiffen dasStille Nacht . Das war meine erste Weihnacht im Gefängnis.

Nun folgt die endlos lange Reihe gleichmäßiger Tage, die alle so verlaufen: 20 Minuten vor 5 Uhr mor- gens Aufstehen, dann Säubern der Zelle, soweit die überaus primitiven Mittel so etwas zulassen, dann liegt der ganze lange Tag vor dir bis 7 Uhr abends. Sich niederzulegen auf die Pritsche ist streng ver- boten und durch die ständige Kontrolle unmöglich. Bleibt also nur das Sitzen auf dem harten Hocker- chen, das durch Scharniere an der Wand befestigt ist und das gerade im Rücken den Haltedorn hat,

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