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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
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geweckter Mensch, und auch der nur, wenn es um Kopf und Kragen geht.-Eine primitive Natur würde sich auch beim Simulieren nicht über die triebhaften Außerungen erheben können, und ein erkranktes Triebleben bedarf im allgemeinen keiner so langwierigen Nachprüfung, da hätte sich der beob­achtende Arzt schon bald entscheiden müssen. Auch die manisch- depressive Symptomatik, die Sie vorspielten, hätte den Arzt nicht so lange im unklaren lassen können. Hätten Sie keine falschen Extraeinlagen aus anderen Krankheitsgebieten geliefert, dann würde er Sie eben schon bald als ernsten manisch- depressiven Verdachtsfall an die Heil- und Pflege­anstalt abgeliefert haben. Und wie ich Ihnen schon sagte, ist es möglich, mit dieser Art des zirkulären Irreseins auch den Psychiater irrezuführen. Dann hätten Sie also gerichtsmedizi­nisch mindestens den Schutz des§ 51, Absatz 2, bekommen, also die mildernden Umstände wegen eingeschränkter Zurech­nungsfähigkeit, und wären selber nicht zum Tode verurteilt worden. Aber Sie hätten Ihre Frau und Ihren Freund nicht retten können. Es gelang Ihnen jedoch, Ihren Herrn Bütten­berg durch die Vorspiegelung verwickelter psychischer Phäno­mene, die sich nicht zusammenreimen ließen, immer wieder un­sicher zu machen. Mit einem gewissen Recht könnte man sogar sagen, Ihre Fehler, Ihre allzu phantasievollen Sondertouren haben Sie gerettet. Büttenberg wollte äußerst gewissenhaft sein, er konnte sich bei seiner Autorität gegenüber dem Volks­gericht leisten, Ihren Fall so ungewöhnlich zu verzögern."

,, Glauben Sie nun, Herr Doktor, daß mich Büttenberg schließlich völlig durchschaut hat?"

,, Ich möchte beinahe annehmen, daß ihn diese Frage zum Schluß nicht mehr interessiert hat, daß er diese Verantwortung zuletzt einfach von sich gewiesen hat. Als pflichttreuer Beamter wäre es ihm wider den Strich gegangen, eine Entscheidung zu unterzeichnen, die gegen seine Überzeugung gewesen wäre. Da aber allmählich das tragische Kriegsende vor der Tür stand, glaubte er es nicht mehr nötig zu haben, in Ihrer Sache medi­zinischer Richter zu sein. Er wollte Sie einfach bis zur großen Wende in eine Anstalt abstellen, wo Sie fern vom Schuß waren. Zu jener verhältnismäßig kleinen Gruppe der berüchtigten Nazi- Psychiater im Fahrwasser der SS hat er jedenfalls nicht gehört."

,, Also gut, wenn er wieder in Freiheit ist, will ich ihn zur Abwechslung überprüfen, so wie er ja jetzt zur Abwechslung

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