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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
273
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- N schon viel bedeuten, wenn ich durch immer neue willkürliche Komplizierungen meines vorgespielten Zustandes erreicht habe, daß ihm neue Zweifel aufgestiegen seien.

Leider können wir vorläufig Dr. Büttenberg nicht selbst darüber befragen, denn er soll jetzt, da sich das Segel der Macht in Deutschland inzwischen gedreht hat, in seinem eige- - nen Tegeler Gefängnis sitzen, Ich war für ihn ein so zeitrau- bender, zuletzt so ärgerlicher Fall, daß ich annehmen darf, er denkt noch immer mit einem gewissen Kopfschütteln an unsere kämpferischen Sitzungen zurück. Büttenberg wollte mich nicht in den Tod schicken, aber er freut sich wohl auch nicht, wenn ich mich noch so manisch munter mit ihm befasse.

Bis zum nächsten Sonntag will Dr. Wach mit der Lektüre meines Textes fertig sein. Dann werden wir bei einer Tasse Tee den ganzen Fall noch einmal gründlich überprüfen.

Was damals nur ein grobes Mittel zur Selbstbehauptung war, will jetzt als geistige Leistung in einer Welt der höheren Zwecke bestehen, Ich möchte am liebsten die einzelnen Situationsbilder meines pseudologisehen Spiels wiederholen, das Einzelne ver- bessern und das Ganze steigern, als ob ich an einem Schauspiel schriebe und nach der ersten mimischen Erprobung die Ver- feinerungen und Verstärkungen anzubringen hätte,

Die gelebten Nöte des Lebens sträuben sich gegen die Aesthetisierung. Es muß bei den Mängeln in meiner Nach- schöpfung kranker Zustände bleiben, denn nur mit allen wirk- lichen Fehlern, mit allen psychischen Naturwidrigkeiten wird das Unechte des Simulierens als Leistung echt.

Darin bestärkt mich auch Dr. Wach, als ich ihn am Sonntag darauf zu stiller Dämmerstunde in seiner Wohnung besuche. Gewiß, Sie haben manches regelwidrig, also als psychische Krankheit falsch gespielt, äber verbessern Sie um Gotteswillen nicht daran in Ihrer literarischen Niederschrift, das würde gerade ihren Wert beeinträchtigen. Im übrigen haben Sie Ihre halbjährige Rolle mit einer geistigen Kraft und Überlegen- heit gespielt, die Sie über jeden Verdacht, Sie könnten tatsäch- lich in ein psychisches Minus geraten sein, unbedingt erheben. Wenn irgendwelche bösen Zungen Ihnen nachreden wollten, Ihre Gesundheitsakten seien wohl auch nicht ganz in Ordnung, dann brauchten Sie nur dieses Buch als schlagenden Gegen- beweis ins Feld zu führen. Jedenfalls sind die Energieleistungen Ihrer Nerven und Ihres Willens außerordentlich, ich möchte sagen, einzigartig gewesen. Das schafft nur ein geistig sehr

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